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Wolf Singer
Der deutsche Neurophysiologe und Hirnforscher Wolf Singer (*1943) ist Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Am 23. Oktober 2008 sprach er mit der Wochenzeitung ‘Die Zeit’ über Religion. Sein Gesprächspartner war der Wissenschaftsredakteur des Blattes, Ulrich Schnabel (*1966).
Singer hat in der Vergangenheit ein Buch mit dem in Nepal als buddhistischer Mönch lebenden Franzosen und Molekularbiologen Matthieu Ricard (*1946) verfasst. Deshalb fragte ihn die ‘Zeit’: „Wird der Hirnforscher Singer zum Esoteriker?“ Singer verneint erwartungsgemäß. Er sei in Sachen Meditation einfach neugierig gewesen und habe sich außerdem vor einigen Jahren in einer Zeit starker beruflicher Belastung bei einer zehntägigen Zen-Übung angemeldet.
Sitzen vor der Wand Dort sei er vom harten Regime überrascht worden: „Schweigen, keinerlei äußere Reize, stundenlanges Sitzen vor der Wand, konzentriert auf die Haltung, die Atmung, den gegenwärtigen Moment.” Das Ergebnis: Am Ende war Singer beeindruckt.
Danach sei auch seinen Mitarbeitern aufgefallen, dass er „so ruhig“ geworden sei: „Plötzlich fuhr ich auf der rechten Spur der Autobahn, brauchte kein Radio und war eigentlich ganz glücklich mit mir.“ In der Meditation erreiche man einen mentalen Zustand, der sich vom Alltagsbewusstsein deutlich unterscheide. Im Default-Zustand der Seele stelle sich ein Gefühl des „In-der-Welt-Seins“ ein: „Diese Erfahrung entspricht mit Sicherheit getreuer der Persönlichkeit, die man ist, als das, was man erlebt, wenn man ständig von Tagesereignissen getrieben wird.“
Alles nur Hyperventilation Singer brachte auch einmal eine Zeit bei den orthodoxen Mönchen auf dem Berg Athos in Nordgriechenland zu: „In der Fastenzeit vor Ostern haben sich die Mönche alle zwei Stunden aufwecken lassen und gemeinsam gesungen, was mit starker Hyperventilation (überstarkes Atmen mit nachvollgendem Kohlendioxidmangel, die SG) einherging“. Schließlich hätten sie ein großes Licht gesehen, Stimmen gehört und seien in Kontakt mit der Welt der Gottheit gekommen. Singer weiß natürlich: „Solche Halluzinationen sind das Ergebnis von Schlafentzug und Hyperventilation.“ Dann könne auch das Jesus-Syndrom auftreten. Es ist nach Singer ein Krankheitsbild, bei dem im Gehirn fast unbemerkbare Epilepsien auftreten: Die Patienten berichteten dabei häufig von einem wunderbaren Gefühl, das sich in ihnen ausbreite: Plötzlich stimme alles mit allem überein: „Sie beschreiben dieses Gefühl so, wie Religionsstifter die Erleuchtung beschreiben.“ Auch hier ist Singer mit seinem Latein nicht am Ende: „Der Hirnforscher aber weiß: Da krampft (hat einen epileptischen Anfall, die SG) ein Stück Gehirn, das normalerweise als eine Art innerer Zensor fungiert.“ Man könne dieses „versöhnliche Gefühl“ allerdings auch „ganz real herstellen“, indem man zum Beispiel Konflikte wirklich beseitigt.
Beten ist Einbildung Für Singer hat diese Art der Meditation „überhaupt keine“ religiöse Konnotation. Die Frage nach seinen religiösen Überzeugungen beantwortet Singer ausweichend. Er sei zwar in manchen Auffassungen – etwa darüber, wie die Welt „strukturiert“ sei – gewissen Interpretationen des Buddhismus nahe. Doch als Buddhist will er sich nicht bezeichnen: „Denn ich bin natürlich als integriertes Mitglied dieser abendländischen Gesellschaft massiv geprägt von christlichen Glaubens- und Wertevorstellungen.“ Als Naturwissenschaftler könne er „die konkreten Ausformungen dieses Glaubenssystems oft nicht nachvollziehen.“ Er halte es für möglich, „dass ich etwa durch das Beten eine Self-fulfilling Prophecy in Gang setze“.
Intellektueller Zweihänder Doch Singer hat erhebliche Schwierigkeiten mit dem Gedanken, „dass eine für mich unsichtbare Gottheit alles durchdringt, das Geschehen auf der Erde steuert und sich auch noch um mich persönlich kümmert.“ Gleichzeitig möchte er sich nicht als Atheist bezeichnen: „Denn ich weiß natürlich, dass es jenseits des Begreifbaren noch Dimensionen gibt, für die ich keinen Namen habe.“
Dann greift Singers Interviewpartner zum intellektuellen Zweihänder: Für einen nüchternen Kopf wie der des Herrn Wissenschaftlers müsse es doch irritierend sein, dass sich „bis heute“ religiöse Glaubensüberzeugungen hielten, die dem wissenschaftlichen Denken „zutiefst“ zuwiderliefen. Singer antwortet auf dem gleichen Niveau: „Wir haben unsere Religionssysteme alle erfunden.“ Sein hilfloses Argument: „Dafür sprechen schon die kulturspezifischen Ausprägungen.“ Der Mensch sei „aufgrund des Soseins seines Gehirns“ darauf festgelegt, Ursachen für Phänomene zu suchen.
Es liege nahe, die vielen Wirkungen in der Welt, deren Ursachen der Mensch nicht ergründen kann, „einem höheren Wesen zuzuschreiben“. Das erlaube eine weitere „hochwirksame Projektion“ – nämlich moralische Grundregeln als Verordnung dieser höheren Instanz zu deklarieren: „Das hat sich offenbar im Laufe der kulturellen Evolution enorm bewährt“ – erklärt Singer Die religiösen Gebote sind für ihn kollektive Erfahrungen: „Das christliche Gebot zum Beispiel, die andere Wange hinzuhalten: Das Individuum mag von solchen Verhaltensweisen nicht profitieren; doch die Gesellschaft tut es im Laufe ihrer Geschichte sehr wohl“ – meint er. Das könne durchaus nach dem darwinistischen Prinzip geschehen sein – “Mag sein, dass gerade die Gruppen überlebten, die altruistische Verhaltensnormen so kodiert haben.“
Simpler Fideismus Denn eine religiöse Begründung ist angeblich eine „schnelle methodische Abkürzung“ – behauptet er, obwohl die katholische Moraltheologie nicht religiös, sondern naturrechtlich begründet wird. Singer legt seinem Verständnis einen simpen Fideismus zugrunde: „Darüber muss man nicht lange diskutieren, das wird so gemacht, weil es in der Bibel steht.“ Doch dann wird er ernst: „Natürlich hat dieses Prinzip auch seine Schattenseiten. Was im Namen der Religion alles an Schrecklichem geschah – das wird dann genauso wenig hinterfragt“ – verkündet er ohne langes Hinterfragen. Der Wissenschaftsredakteur nimmt Singers Worte dankbar auf: „Kann man sich eine aufgeklärte Religion vorstellen, ohne Intoleranz und Fanatismus?“
Das Strafrecht als Retter der Moral? Singer hebt den Einwurf auf eine höhere Ebene: „Die Frage ist, ob man moralische Werte nicht auch anders verankern kann als religiös.“ Seine Antwort: „Ich würde denken ja. Unsere Rechtssysteme tun das ja schon“. Dann hat er eine ungewöhnliche Idee: Vielleicht könne man Menschen durch mentale Praktiken wie Meditation dazu bringen, Einsichten zu gewinnen, die es ihnen erlauben, „über den schnöden rationalen Egoismus hinauszusehen“.
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