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Die Evolutionstheorie ist zweifellos die Grundlage des gegenwärtigen säkularen Weltbildes. An anderer Stelle wurde dargelegt, dass sie keinesfalls "gleichgültig" für die katholische Religion ist[1], und zwar weniger wegen der Frage der Historizität der ersten 11 Kapitel der Genesis, sondern vor allem wegen ihrer Konsequenzen etwa für Sündenfall und Erbsünde –von denen im evolutionären Kontext zu sprechen wenig Sinn macht-, der Entstehung des Menschen (kann ein Tier zu einem menschlichen Körper evolvieren, ohne einen menschlichen Verstand und damit eine unsterbliche Geistseele zu haben ? ) und last not least ob der Christus der Evangelien, durch den "alles geschaffen ist"[2], mittels eines Mechanismus von brutalem "survival of the fittest" schaffen kann.
Nach der Evolutionstheorie ist zu erwarten, dass die menschliche Sprache sich allmählich und in Schritten aus tierischen Kommunikationsformen entwickelt hat: aus primitiven Anfängen zu ihrer heutigen Komplexität. Natürlich kann diese hypothetische Sprachentwicklung als vergangenes Ereignis nicht mehr beobachtet werden. Es können nur die in historischer Zeit aufgetretenen Sprachen und deren Veränderungen untersucht werden. Dieser durch schriftliche Aufzeichnungen von Sprache zugängliche Zeitraum beträgt etwa 5000 Jahre und ist damit klein gegenüber der postulierten Jahrhunderttausende währenden Evolution des Menschen, da die Sprachentstehung von evolutionärer Seite auf vor etwa 40000 Jahren angesetzt wird, aber es ist immerhin 1/8 dieser Zeit erfasst. Freilich imponiert auf den ersten Blick, wie oben erläutert, ein genau gegenteiliger Effekt: in historischen Zeiträumen scheinen Sprachen an grammatikalischer Komplexität zu verlieren statt zu gewinnen.
Der Schweizer evangelikale Bibellehrer und Linguist Dr. Robert Liebi untersucht nun dieses Phänomen in seinem Buch "Herkunft und Entwicklung der Sprachen", das im Rahmen der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" entstanden ist[3].
Nach einer allgemein verständlichen Einführung in die Grundlagen der Linguistik und einem Überblick über die Sprachstämme der Welt legt Liebi die grundsätzlichen evolutionären Theorien zur Sprachentstehung dar, deren es eine sehr große Anzahl gibt. Einige sehen beispielsweise den Ursprung der Sprache in Alarm- und Schmerzrufen ("Aua-Theorie"), andere in koordinierenden und rhythmusgebenden Ausrufen bei gemeinsamer körperlicher Arbeit ("Hauruck-Theorie"), wieder andere in Nachahmungen von Tierlauten ("Wau-Wau-Theorie"). Man streitet sich, ob die Sprache allmählich oder plötzlich entstand, ob die Interaktion von Mutter und Kind entscheidender Faktor war. Die vielen Theorien zur Sprachentstehung haben vor allem den Fehler, dass sie nicht nachprüfbar sind und daher der Phantasie freien Lauf lassen. Schon 1866 verbot daher die Pariser Sprachgesellschaft in ihren Statuten die Annahme von Sprachentstehungstheorien (S. 104).
Die meisten Evolutionisten gehen davon aus, dass die menschliche Sprache erst in der Altsteinzeit parallel und in Wechselwirkung mit der sich entwickelnden Kultur entstand. Demnach ist es zumindest wahrscheinlich, dass 1. die ältesten menschlichen Sprachen am primitivsten sind, dass 2. Eingeborene heutiger Steinzeitkulturen eine primitivere Sprache haben als Menschen der "1. Welt" und dass 3. Sprachen mit der Zeit an Komplexität gewinnen.
Die ältesten erhaltenen und entzifferten schriftlichen Sprachzeugnisse sind auf Sumerisch abgefasst und nach allgemeiner Annahme um 3100 v.Chr. entstanden. Sumerisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt – also ein eigener Sprachstamm – und alles andere als “primitiv”: es besitzt wenigstens 11 Kasus –neben den im Indogermanischen 8 "bekannten" noch den Äquitiv (Vergleichsfall: "wie Wasser"), den Lokativ (Ortsfall "im Haus"), den Komitativ (Gemeinschaftsfall "mit Peter") u.a. Das Verbalsystem ist schwindelerregend komplex. Mittels einer Fülle von Präfixen, Infixen und Suffixen können Verbalinhalte äußerst präzise formuliert werden. Es gibt alleine 7 Modi: Indikativ, Optativ, Prohibitif (Verbotsform), Prekativ (Wunschform), Kohortativ (Ermahnungsform), Prospektiv (mögliche Verwirklichung) und Imperativ. Zu Tempora wie dem Permansiv (Zustandsausdruck) oder Aspekten wie Punktual und Durativ und einer Fülle weiterer Möglichkeiten, Intensität, Richtung, Relation und Objektbeziehung der Handlung auszudrücken gibt es in heutigen Sprachen keine Entsprechung – gegenüber Sumerisch ist vielmehr Deutsch primitiv.
Ähnlich liegen die Verhältnisse in Altägyptisch (2600 – 2100 v. Chr.). Das Verbalsystem eignet sich dank seiner Komplexität vorzüglich zum Ausdruck großer Präzision und feiner Nuancierungen. Es hat 6 Modi, Handlungen können mit Zeitbezug (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) oder ohne Zeitbezug beschrieben werden, die Aspekte Durativ, Punktual und Resultativ werden unterschieden und es gibt in der Konjugation 8 Personen, indem die 2. und 3. Person Singular in männlich und weiblich geschieden werden. Danken wir Gott, dass Er Moses den Pentateuch nicht auf Altägyptisch abfassen ließ – Bibelübersetzer würden zur Verzweiflung getrieben.
Die vom Evolutionskonzept zu erwartende "Primitivität" in den Eingeborenensprachen existiert ebenfalls nicht, wie Liebi an Beispielen u.a. der Feuerländer oder nordamerikanischer Indianersprachen zeigt. So haben die Wintu-Indianer in Kalifornien z.B. spezielle Formen, die unterscheiden, ob eine Aussage eine Übernahme vom Hören-Sagen ist, Resultat einer persönlichen Beobachtung oder einer logischen Schlussfolgerung. Für letztere werden zudem 3 Plausibilitätsgrade unterschieden. Militärisch wurden Indianersprachen in den Weltkriegen wichtig: als Funker verwendete Comanche-Indianer übermittelten Meldungen in ihrer Muttersprache, die für die feindlichen B-Dienste praktisch nicht zu entschlüsseln waren.
"Die Sprachen der Eingeborenen in aller Welt sind vielmehr hochkomplex. Es gibt nicht einmal ein einziges Ausnahmebeispiel unter den Tausenden von heute bekannten Sprachen, das der evolutionistischen Deduktion bezüglich der Eingeborenensprachen in etwa entgegenkommen würde" (S. 201).
Sind schließlich bei den bekannten Sprachen im Laufe ihrer Geschichte Höherentwicklungen oder Zerfallserscheinungen zu beobachten? Es ist erschütternd, fast beängstigend [4], in welchem Maß die oben skizzierten Beispiele des Verlustes grammatikalischer Komplexität generalisierbar sind. Alle bekannten Sprachen zeigen dieses Phänomen. Ohne Ausnahme. Akkadisch, Ägyptisch, Hebräisch, Arabisch, Äthiopisch, Sanskrit – alle Sprachen in allen Sprachstämmen.
Psychologisch ist dies begründet in einer weltweit und zu allen Zeiten beobachteten "Trägheit der Sprechenden": der Mensch tendiert, den mentalen und physischen Aufwand seiner Bemühungen allgemein und so auch beim Sprechen zu minimieren. Dies führt zum Abschleifen phonologischer Elemente ("Wörter") und Eliminierung morphologischer Strukturen ("Grammatik") und wurde als Gesetzmäßigkeit schon im 19. Jahrhundert erkannt. Teilkompensiert wird dies durch die angelegte Kreativität des Menschen in Syntax und Lexik:der Mensch kann leicht neue Wörter erfinden (Lexik) oder neue Wortstellungen im Satz schaffen (Syntax), das heißt z.B. ein Tempus oder ein Modus durch Hilfsverben kennzeichnen statt durch eine Form des Verbums. Sprachen bleiben so immer funktionell. Englisch und besonders Chinesisch sind Sprachen nahe am "Endpunkt" dieser Entwicklung. Bemerkung am Rande: aus sprachpsychologischer Sicht kann also mit Sicherheit vorhergesagt werden, dass die neue politisch korrekte Sprechweise, stets die männliche und die weibliche Form in der Anrede zu benutzen ("Liebe Schülerinnen und Schüler ...”) sich nicht halten wird. Der besseren Weg wäre wohl die in unserer Kultur seit dem Rittertum tief verwurzelte Sitte, einer "Kompensierung" des "nur-mit-gemeint-Sein" durch besondere Höflichkeit der "Dame" gegenüber z.B. indem der Herr ihr die Autotür aufhält oder in den Mantel hilft.
Gibt es Belege, dass Menschen Sprachen kreativ schaffen oder nicht schaffen können ? "Wolfskinder", das sind Kinder, die ohne oder mit sehr wenig sprachlicher Zuwendung aufwuchsen, lernten nicht sprechen und konnten als Erwachsene dies nicht nachholen. ( Und eine "private" Sprache "entwickelten" sie schon gar nicht !). Offenbar gibt es eine "sensible Phase", während derer ein Kind leicht Sprechen lernt und die, einmal verpasst, nicht nachgeholt werden kann. Ähnlich liegen die Verhältnisse -das Fehlen kreativen Schaffens grammatischer Formen- bei Pidgin- und den daraus entstandenen Kreolensprachen.
Das Buch ist einfach und verständlich geschrieben, obgleich es eine komplexe Materie behandelt und nicht über Gebühr vereinfacht (wie es diese Rezension leider tut!). Wohltuend sind die klaren logischen Schlussfolgerungen. Es bietet noch wesentlich mehr Informationen, als hier umrissen wurde; so scheut sich Liebi nicht, seine linguistischen Ergebnisse im Kontext der biblischen Urgeschichte zu diskutieren. Man merkt allerorten, dass sein Anliegen nicht nur Sprachwissenschaft ist, sondern mehr: er möchte Menschen zu Christus führen.
Generelles Ergebnis des Buches: Der Mensch kann von sich aus Vokabeln schaffen, aber keine Grammatik. Existierende Neuschaffung in der Syntax (Satzbau) z. B. Dichtung arbeitet mit vorhandenem Sprachmaterial.
Der größte Mangel des Buches ist mehr ein Aufruf zur weiteren Forschung als eine Nachlässigkeit: Liebi konstatiert an mehreren Stellen [5], dass das menschliche Gehirn zwar Vokabular, aber keine neuen grammatikalischen Strukturen schaffen könne. Sein linguistisches Material unterstützt diesen Schluss; allerdings sollte diese Aussage, gerade weil sie so fundamental ist, unbedingt mit neurobiologischen und psychologischen Daten über "Hardware" und Funktion des menschlichen Geistes abgesichert werden, dazu findet sich im Buch fast nichts [6]. Nun, Liebi ist auch kein Neurowissenschaftler und dies wäre zweifellos ein größeres Forschungsprojekt. Ließe sich aber dies naturwissenschaftlich nachweisen, wäre die Evolutionstheorie zumindest was die Evolution des Menschen angeht, am Ende: um sie zu falsifizieren, genügt es zu zeigen, dass ein Teil des Menschen und seiner Fähigkeiten nicht von selbst durch Evolution entstanden sein kann. Wenn sich Christen für die Wahrheit einsetzen sollen, so meint dies nicht nur die religiöse Wahrheit, deren Hüterin die katholische Kirche ist, sondern auch die Wahrheit in allen Bereichen des Lebens.
Referenzen
[1] Wolfgang B. Lindemann, Ist die Evolutionstheorie gleichgültig für die katholische Religion?, Theologisches, Jahrgang 30, Nr. 5/6, p. 175-186 (Mai/ Juni 2000 )[2] Joh 1,3 – bezeichnenderweise das Schlussevangelium der Hl. Messe [3] www.wort-und-wissen.de . Kontakt: sg@wort-und-wissen.de Zur grundsätzlichen Information siehe das "Hauptwerk" von "Wort und Wissen": "Evolution – Ein kritisches Lehrbuch", rezensiert von Wolfgang B. Lindemann in Forum Katholische Theologie, 17. Jahrgang Heft 2/2001 , S.155-157. Für katholische Leser besonders geeignet: Johannes Grün: "Die Schöpfung – Ein göttlicher Plan. Die Evolution im Lichte naturwissenschaftlicher Fakten und philosophisch-theologischer Grundlagen. Mit einem philosophischen Essay von Hermann Weinzierl". Verax Verlag/ Müstair/ Graubünden, Schweiz 2000, 543 Seiten, ISBN 3-9090665-05-8, rezensiert von Wolfgang B. Lindemann in Theologisches, Jahrgang 31, Nr. 11, S. 558- 562 (November/Dezember 2001 ) oder Justin M. Minkowitsch: Postevolutionäre Schöpfungstheologie 2007[4] man denkt unwillkürlich "wo soll das noch hinführen ?" [5] S. 61, p. 97,S. 112, S. 159, p. 161, p. 185, S. 273 [6] einzige Aussage zur "Hardware" ist p. 106 "Aus neurologischer Sicht ist es eigentlich absurd, wenn man meint, dass der häufige Gebrach der linken Gehirnhälfte zur Entstehung einer völlig neuen und anderen Struktur, nämlich zur Entstehung eines motorischen Sprachzentrums führen soll", auf S. 276 wiederholt, sollte sie viel weiter ausgeführt werden.
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