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Dieser Artikel versucht, die wesentlichen linguistischen Gründe gegen eine Evolution der menschlichen Sprache aus Tierlauten zusammenzufassen.
Ausführlich wird diese Thematik von dem freikirchlichen Autor Dr. Roger Liebi in seinem rechts gezeigten Buch “Herkunft und Entwicklung der Sprachen” behandelt - oder in Kurzform hier bzw. eines speziellen Teilaspektes hier in je einem Artikel eines unserer Mitarbeiter.
Die Evolution der Sprache
Zwar gibt es auch im Tierreich Kommunikationsformen, aber nur der Mensch besitzt eine Sprache im eigentlichen Sinne, die unvergleichlich viel leistungsfähiger ist. Größter Unterschied zwischen allen Tierkommunikationsformen und der menschlichen Sprache ist die Abstraktheit der Sprache: es besteht keine feste Beziehung zwischen den Lautäußerungen der Sprache und den angezeigten Inhalten. So kann das Wort „logo(s)“ bedeuten: Wort oder Gedanke auf Altgriechisch, „sogleich“ oder „bald“ auf Portugiesisch und im Neudeutsch soviel wie „Wappen“. „Agora“ heißt auf Altgriechisch Markplatz –die Diagnose „Agoraphobie“ kommt daher- und auf Portugiesisch „jetzt“. Dagegen sind im Tierreich die Bedeutungen von Äußerungen festgelegt und nicht variabel: Freuden- Lock- Schreck- Alarm- und Drohlaute bedeuten innerhalb derselben Tierart immer dasselbe und können nicht die Bedeutung wechseln – Hunde oder Katzen, die in Ägypten aufgewachsen sind, können daher problemlos mit ihren Kollegen aus Deutschland oder Frankreich interagieren. Der Schwänzeltanz der Bienen zeigt mit immer denselben Figuren immer dieselben Inhalte an (in welcher Richtung und Entfernung vom Bienenstock sich was für eine und wie ergiebige Futterquelle befindet).
Dagegen kann beim Menschen dasselbe Wort oder Lautkombination ganz unterschiedliche Bedeutungen tragen – je nachdem, in welcher Sprache es gesprochen wird. Im Tierreich sind die Zeichen und ihre Bedeutungen sozusagen „fest verdrahtet“, während bei der menschlichen Sprache diese frei wählbar sind.
Tiere, die menschliche Sprache nachahmen können verstehen die Äußerungen nicht und können keine neuen Sätze, geleitet durch grammatische Regeln, bilden, während jedes Kleinkind bereits während des Sprachlernens neue Sätze bildet, die es nie zuvor gehört hat: Mit 2 Jahren sind nur noch 20% der Äußerungen direkte Nachahmungen, mit 3 Jahren nur noch 2%.
„Die Begabung der Papageien für Nachahmung menschlicher Laute und Worte ist bekannt. Sie übertreffen hierin alle übrigen Tiere; sie leisten Bewundernswürdiges, Unglaubliches; sie plappern nicht, sondern sie sprechen. Man verstehe mich recht; ich meine damit selbstverständlich nicht, dass sie die Bedeutung der von ihnen nachgeahmten Worte verständen oder imstande wären, Sätze zu erfinden und zu gliedern, sondern behaupte nur, dass sie die sie gelehrten Worte bei passender Gelegenheit, als sie im Gedächtnis behalten, bei welcher Gelegenheit oder zu welcher Tageszeit sie dieselben gelehrt wurden, und sie bei einer ähnlichen Gelegenheit oder Zeit die betreffenden Worte, für sie offenbar nur Lautgliederungen, wieder gebrauchen.“ (Brehms Tierleben, Band 12, Vögel, Gutenberg-Verlag Hamburg 1927, S. 149). Ein um 1840 im Besitz eines österreichischen Geistlichen befindlicher Jako (Gattung Graupapageien Psittacinae, Art Psittacus erithacus, die in Westafrika vom Senegal und Gambia bis zum Tschadsee und den westlichen Quellflüssen des Nils heimisch ist) zeigte nach intensivem Training ganz erstaunliche sprachliche Fähigkeiten. Er konnte u.a. sagen „Geistlicher Herr ! Guten Morgen.“ „Geistlicher Herr, ich bitt um a Mandel.“ „Magst a Mandl ?” “Magst a Nuss ?“ „Bekommst schon was ? Da hast was.“ „Herr Hauptmann, grüß Gott, Herr Hauptmann.“ „Frau Baumeisterin, gehorsamer Diener.“ „Herr Nachbar ! Zeit lassen !“. „(Er) sagt nur früh ‚Guten Morgen’ und nur abends ‚Gute Nacht’, verlangt Futter, wenn er Hunger hat. (...) Wenn jemand an der Tür klopft, so ruft er sehr laut, sehr deutlich und ungemein täuschend wie ein Mann: Herein, herein ! (...) Wenn er etwas zerbeißt oder in seinem Hause etwas ruiniert, so sagt er: ‚Nicht beißen, gib Ruh ! Was hast ’tan’. (…)Zudem findet der Papagei die absonderlichsten Töne, Laute und Geräusche oft äußerst nachahmenswert, lernt mit derselben Fertigkeit wie Worte das Knarren einer Tür in seiner Nähe, das Bellen des Hundes, das Miauen der Katzen, das Husten eines alten Menschen nachahmen und stört durch dies oft wesentlich sein im übrigen liebenswertes Geplauder.“ (ebendort S. 168f).
Allerdings entsprechen untergeordnete menschliche Kommunikationsmittel wie beispielsweise Mimik, Gestik und emotionale Laute tierischer Kommunikation, was es uns erleichtert, Tieräußerungen zu verstehen, und uns einen Grundstock an Kommunikation auch mit Menschen sichert, deren Sprache wir nicht kennen. Hierauf beruhen auch Skalen zur Schmerzevaluierung bei Patienten, die nicht mehr sprechen können. Eben dank dieses allen Menschen gemeinsamen „Grundstockes“ an Kommunikation konnten sich im Krieg Nazisoldaten den alliierten Streitkräften ergeben, auch wenn sie aus Überheblichkeit als vermeintliche Angehörige der „Herrenrasse“ nie eine Fremdsprache gelernt hatten.
Linguistische Fakten über Sprachen
Linguistisch gesehen besteht eine Sprache aus einer hierarchisch aufgebauten Kombination von 4 (bei Einbezug der Schrift 5) System- Ebenen. Auf der untersten Ebene, der Phonetik, bestehen Sprachen aus „Phonemen“: Laute, die innerhalb einer Sprache bedeutungsunterscheidende Funktion haben, werden als Phoneme bezeichnet. Weltweit werden etwa 600 verschiedene Phoneme verwendet, z.B. a, b, i, d, v oder o. In keiner Sprache werden alle möglichen Laute verwendet – kaum jemals mehr als 100. Allerdings können die verwendeten Phoneme sehr unterschiedlich sein. In der Sprache der Rotokas auf der Insel Bougainville in Papua Neu- Guinea gibt es nur 6 Konsonanten und 5 Vokale, sie kann also mit nur 11 Buchstaben geschrieben werden: a, b, e, g, i, k, o, p, r, t, u. Andererseits existieren in der kaukasischen Sprach Ubyx über 80 Konsonanten. In indogermanischen Sprachen werden gleich geschriebene Konsonanten oft trotzdem verschieden ausgesprochen: das portugiesische „l“ ist ein anderes als das deutsche oder das russische; das liegt an der historischen Bedingtheit und der begrenzten Zeichenzahl unserer Alphabetsysteme, die dieselben Zeichen für verschiedene Sprachen und deren Phoneme verwenden. Unter den europäischen Sprachen kennt man (heute) keine Tonsprachen im eigentlichen Sinne mehr, obgleich es weltweit tausende gibt. In Tonsprachen trägt ein Laut unterschiedliche Bedeutung, je nachdem welche Tonhöhe er relativ zum Grundton des Sprechers hat. Solche „Phoneme“ werden dann als Toneme bezeichnet. Ein Tonem kann z.B. hoch, mittel oder tief sein, aber auch fallend, steigend oder erst fallend- dann steigend bzw. steigend- fallend. Je nach Sprache ist die Anzahl der Toneme etwa 2 bis über 10. Das Altgriechische besaß verschiedene Toneme, die heute durch ein Akzentsystem mitgeschrieben, aber beim Lesen nicht mehr gesprochen werden und heute keine andere Funktion mehr zu haben scheinen, als Altphilologiestudenten weitere Prüfungen zu bescheren.
Die zweite und nächste Ebene im sprachlichen System ist die Morphologie, die Kombination von Lauten zu Wortteilen und Wörtern. Als ein Morphem wird das kleinste bedeutungstragende Element einer Sprache bezeichnet; Morpheme bestehen meist aus mehreren Phonemen, nur wenige Phoneme sind zugleich Morpheme wie im Französischen beispielsweise „à“ oder „en“.
Ein Wort kann definiert werden als eine minimale freistehende Form, die isoliert mit einer bestimmten Bedeutung geäußert werden kann und deren Bestandteile nicht abgeändert werden können, ohne eine Bedeutungsänderung zu bewirken. Nicht alle Morpheme sind Worte; auch Wortteile wie Vorsilben oder Flexionsendungen sind bedeutungstragende bzw. –verändernde Elemente, auch wenn sie nicht alleine stehen können. Die Formenlehre beschreibt, welchen systematischen Veränderungen die einzelnen Wortarten einer Sprache unterliegen, z.B. die Flexion des Verbums oder des Substantives.
Auf der dritten sprachlichen Ebene, der Syntax, werden bedeutungstragende Lautkombinationen –die Morpheme- zu Sätzen und Satzverbänden zusammengesetzt. Die Syntax beschreibt die Gesetzmäßigkeiten nach denen dies in einer bestimmten Sprache geschieht und ist damit die Lehre von der Funktion der Wortarten und Wortformen im Satz, deren Zusammenstellung zu Satzteilen und Sätzen sowie der Verknüpfung von Sätzen zu Satzverbänden. Auch wenn einzelne Worte wie „Achtung“, „Halt“ oder „Ausweis“ bereits wichtige Informationen zu übermitteln vermögen, benötigen wird doch meistens mehr als ein Wort zur Kommunikation. Die Syntax regelt die Stellung der Wörter im Verbund. So müssen bei der französischen Verneinung die Worte „ne“ und „pas“ vor und hinter dem Verbum stehen, das Subjekt steht üblicherweise am Anfang und wird im Französischen vom Verbum direkt gefolgt, während im Deutschen es nur ein Verneinungswort gibt, das an einer späteren Position im Satz steht, und das Verb grundsätzlich am Ende. Eine „doppelte“ Verneinung im Deutschen ist ungebräuchlich, würde aber eine Bejahung bedeuten, da für unser Sprachempfinden dann der Sprecher seine Negativaussage wieder negiert. Das Portugiesische wiederrum kennt die französische „doppelte Verneinung“ nur in bestimmten Fällen, z.B. beim Zeitwort „nunca“ niemals und bildet ansonsten die „einfache“ Verneinung wie im Deutschen.
Die vierte Sprachebene ist die Semantik: Die Bedeutung der Worte und Wortverbände. Die Sprachen der Welt lassen sich nach ihrer grammatischen Beschaffenheit klassifizieren. Im folgenden wird wichtig werden, dass man u.a. „isolierende“ und „flektierende“ Sprachen unterscheiden kann. Bei isolierenden Sprachen bleibt die Gestalt der einzelnen Wörter unverändert, völlig unabhängig von ihrer Funktion im Satz. Eine typische isolierende Sprache ist Chinesisch und Englisch hat sich diesem Sprachtyp deutlich angenähert. Die grammatischen Beziehungen werden bei isolierenden Sprachen durch selbstständige Wörter mit grammatischen Bedeutungen und durch die Wortstellung im Satz ausgedrückt. Dagegen können in flektierenden Sprachen die Wörter in ihrer Form verändert werden, je nach ihrer Funktion und Bedeutung im Satz. Oft werden Verschmelzungen aus Affixen und Wortstamm gebildet. Latein und Altgriechisch sind typische flektierende Sprachen.
Schließlich kann noch als höchste und 5. Sprachebene die Ebene der Graphemik oder Schrift hinzugefügt werden. Derzeit sind etwa 6000-8000 Sprachen bekannt; die Zahl ist nicht exakt anzugeben, da nicht objektiv festgelegt werden kann, wo die Grenze zwischen Dialekt und Sprache verläuft. Ist Elsässisch ein Dialekt des Deutschen oder eine eigene Sprache? Auch abhängig von politischen Überzeugungen wird die Antwort verschieden ausfallen. Selbst wenn in einem konkreten Fall eine Relation Sprache – Dialekt allgemein zugegeben wird wie bei Hochdeutsch und Bayrisch, so ist doch nicht ohne weiteres bestimmbar, was die „Sprache“ und was der „Dialekt“ ist: Norddeutsche sehen Bayrisch als einen Dialekt des Deutschen an, aber Intellektuelle aus Bayern erläutern gerne, dass das eigentliche „Hochdeutsch“ nicht das „Standarddeutsch“ der Region um Hannover sein müsste, sondern vielmehr Bayrisch, denn dieses sei sprachgeschichtlich jünger ... und demnach der Dialekt „Hochdeutsch“.
Einige Sprachen weisen miteinander z.T. große Ähnlichkeiten auf, andere wiederum gar keine. Holländisch und Deutsch sind sich sehr ähnlich und gehen in lokalen Dialekten ineinander über, ebenso Elsässisch und Badisch, Englisch und Deutsch schon weniger ähnlich und noch weniger ähnlich sind Deutsch und Russisch. Aber auch Deutsch und Russisch haben noch mehr Gemeinsamkeiten –z.B. die Gleichheit von Nominativ und Akkusativ im Neutrum, die Art der Abwandlung von Verb und Nomen in der Flexion oder die Zahlenworte für 2 - 7, und 10 bzw. 20- als Deutsch und Hebräisch. Sprachen mit deutlichen Verwandtschaftsmerkmalen fasst man in Sprachstämmen zusammen. Die meisten Linguisten gehen davon aus, dass die Sprachen eines Sprachstammes jeweils auf eine gemeinsame Ursprache zurückgehen.
Im Falle der romanischen Sprachen (Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Rätoromanisch) kann man sehr gut, auch gestützt durch schriftliche Dokumente, deren Abstammung aus dem Vulgärlatein nachweisen. Das Lateinische weist mit einer Reihe anderer Sprachen deutliche Ähnlichkeiten auf, beispielsweise mit Griechisch, Germanisch, Keltisch, Slawisch, Iranisch und Sanskrit, die viel zu groß und zu systematisch sind, um zufällig sein können. Die diesen Sprachen zugrunde liegende Ursprache wird nach ihren westlichsten und östlichsten Sprachen Indogermanisch genannt. Heute spricht die Hälfte der Menschheit eine indogermanische Sprache als Muttersprache.
Hebräisch gehört mit Aramäisch, Arabisch, Äthiopisch, Koptisch und Punisch –der Sprache, die Hannibal und Karthago, Tyrus und Sidon sprachen- zu einem anderen Sprachstamm: Hamito- Semitisch. Die folgende Auflistung zeigt die wichtigsten heute unterschiedenen Sprachstämme; für jeden Sprachstamm sind einige ihm zugeordnete Sprachen angegeben. Mit einem * versehene Sprachen sind ausgestorben.
Die Sprachstämme
- Hamito- Semitisch: darunter Althebräisch*, Neuhebräisch, Aramäisch*, Amoritisch*, Kanaanäisch*, Punisch*, Ammonitisch*, Edomitisch*, Philistäisch*, Akkadisch*, Arabisch, Äthiopisch, Ägyptisch*, Koptisch
- Indogermanisch: Griechisch, Italisch (Lateinisch*, Oskisch*, Umbrisch*), Romanisch (Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Provenzalisch, Italienisch, Rätoromanisch, Rumänisch, Sardisch), Germanisch (Isländisch, Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Englisch, Friesisch, Niederländisch, Afrikaans, Deutsch), Keltisch (Gälisch, Schottisch, Bretonisch u.a.), Slawisch
- Sumerisch
- Baskisch
- Uralisch- Altaisch: Ungarisch, Estnisch, Finnisch, Türkisch, Tatarisch, Kasachisch, Burjatisch
- Sino- Tibetisch: Tibetisch, chinesische Dialekte
- Kam- Tai: Thai- Sprachen
- Koreanisch
- Japanisch
- Mandschu- Tungusisch
- Paläo- Asiatisch: Eskimo- Sprachen
- Drawida- Sprachen: Tamil, Malayalam
- Niger- Kordofanisch: Kisuaheli, Herero, Zulu, Xhosa, Ewe, Ibo, Bambara
- Khosianisch: Buschmännisch, Hottentottisch
- Austrisch: Khmer, Indonesisch, Javanisch, Madagassisch, Mikronesisch, Polynesisch
- Indianersprachen: Nordamerikanische, Mittelamerikanische, Südamerikanische.
Es mag den Europäer überraschen, dass Japanisch und Chinesisch trotz der auf uns ähnlich wirkenden Schreibweise nicht näher miteinander verwandt sind als Deutsch und Hebräisch. Neben Hamito- Semitisch und Indogermanisch ist Sino-Tibetisch der dritte und einzige weitere Sprachstamm, der über Jahrtausende verfolgt werden kann. Die linguistische Einteilung der Indianersprachen Amerikas ist noch nicht abgeschlossen und erfolgt daher bisher nach geographischen Gesichtspunkten. Bezüglich „Austrisch“ ist ebenfalls noch nicht das letzte Wort gesprochen; in den ostasiatischen und pazifischen Inselwelten gibt es eine Fülle von Sprachen, die oft nur auf eine oder wenige Inseln beschränkt sind und entsprechend wenig erforscht sind. Sie sind heute auch vom Aussterben bedroht. Man kann recht gut die etwa 6000 bekannten Sprachen maximal einigen Dutzend Sprachstämme bzw. Ursprachen zuordnen. Einige Probleme bezüglich der Sprachstämme lassen sich vielleicht besser lösen bei Annahme von zwei oder drei Ursprachen an der „Wurzel“ eines Sprachstammes, z.B. dass es zwei verschiedene „Indogermanisch“ gegeben habe, von denen die indogermanischen Sprachen abstammen.
Schwierig dagegen wird es, gemeinsame Wurzeln verschiedener Sprachstämme zu finden. Bis heute existieren in der wissenschaftlichen Linguistik keinerlei auch nur ansatzweise plausible Entwürfe für solche „Supersprachstämme“, die alle oder wenigstens einige Sprachstämme auf eine gemeinsame Ursprache zurückführen. Die allgemeine Ansicht geht vielmehr dahin, dass dies grundsätzlich unmöglich sei. Diese für das weitere fundamentale Aussage kann hier nicht in der erforderlichen Breite belegt werden, außerdem ist eine „Negativaussage“ der Form „es gibt keine“ sowieso erheblich schwieriger zu beweisen – wer kann schon behaupten, alle Linguisten und alle Bibliotheken der Welt konsultiert zu haben?
Jedenfalls findet sich in der üblicherweise an Universitäten und Instituten betriebenen Linguistik die dargelegte Behauptung: Hinter die Sprachstämme kommen wir nicht zurück. Das liegt methodisch zunächst einmal schlicht daran, dass wir bereits die Ursprachen der einzelnen Sprachstämme nicht rekonstruieren können. Es wäre unmöglich, das Lateinische durch Vergleich und Analyse der romanischen Sprachen zu erschließen, und ebenso ist es unmöglich, von den ältesten bekannten indogermanischen Sprachen das Indogermanische zu rekonstruieren. Man kann eine Vorstellung gewinnen von dessen grammatischem Reichtum und auch von dem ursprünglichen Wortschatz und Kulturstand, aber weder ein Wörterbuch noch eine Grammatik des Indogermanischen schreiben, obwohl es in über 150 Jahren linguistischer Arbeit nicht an derartigen Versuchen gefehlt hat. Vielmehr hat man eher gelernt, sich zu bescheiden; es hat Fälle gegeben, in denen man etwa einen älteren Dialekt des Hebräischen aus bekannten jüngeren Formen rekonstruiert gehabt zu haben meinte. Dann tauchten durch archäologische Funde Textdokumente dieses Dialektes auf, die zeigten, dass man in die Irre gegangen war.
Eine Rekonstruktion einer Ursprache, die etwa Hamito-Semitisch und Indogermanisch zugrunde liegt, wäre eine Rekonstruktion „zweiter Ordnung“ und entsprechend methodisch nicht mehr mit nennenswerter Sicherheit durchführbar: Von einem spekulativ aus Sanskrit, Altgriechisch, Frühlatein etc. „erschlossenen“ „Indogermanisch“ und einem ebenso spekulativ aus Altägyptisch, Althebräisch u.a. erschlossenen Hamito-Semitisch soll durch weitere Spekulation eine gemeinsame Ursprache erstellt werden, die man etwas voreilig schon mit „Nostratisch“ benannt hat – das ist nicht mehr möglich. Es geistern zwar durch die populärwissenschaftliche Literatur derartige Behauptungen, aber seriöse Wissenschaft ist das nicht; vielmehr steht hier der Wunsch bzw. die Grundüberzeugung „es muss ja diese Ursprache gegeben haben, da wir durch Evolution entstanden sind“. Pate bei diesen Versuchen. Und selbst die in der populären Literatur genannten Ursprungsprachen verschiedener Sprachstämme umfassen nicht alle, sondern nur maximal etwa ein Dutzend Sprachstämme. Weiter unten werden einzelne Beispiele grammatischer Strukturen in nicht- indogermanischen Sprachen vorgestellt; der Leser mag daran eine Vorstellung entwickeln von der Schwierigkeit, hierfür eine gemeinsame Ursprache zu finden. Wissenschaft ist weder Magie noch Mysterienkult sondern befasst sich mit dem, was der geschulte, systematisch vorgehende gesunde Menschenverstand herauszufinden und einzusehen vermag – mehr nicht.
In populären evolutionistischen Publikationen zur Entstehung der Sprache wird dieser Sachverhalt übrigens im allgemeinen schließlich doch zugegeben, jedenfalls in denen, die zur Erstellung dieses Artikels herangezogen wurden. Allerdings wird er meistens verharmlost und heruntergespielt, die Argumentationsstruktur ist im wesentlichen dies: wir wüssten zwar heute noch nichts genaues, aber vielleicht sei es so und so gewesen (dann folgen einige völlig unzureichende Erklärungen, die zwar der fachlichen Diskussion entnommen sind, aber höchstens Teilaspekte behandeln) und nach einem Appell an das optimistische Vertrauen in die stürmisch fortschreitende Entwicklung von Technik und Wissenschaft wird mit Verweis auf die ja absolut bewiesene Evolutionstheorie suggeriert, dass die Herkunft der menschlichen Sprache so nahe vor der Klärung stände, dass sie eigentlich schon geklärt sei und in jedem Falle klärbar sei. Und der Leser merkt meist nicht, wie er manipuliert wurde.
Neben dem sicherlich atemberaubenden Fortschritt von Wissenschaft und Technik gibt es genügend Bereiche etwa in der Physik, wo es nicht nur keinen Fortschritt gibt, sondern wo ein solcher Fortschritt offenbar grundsätzlich nicht zu erwarten ist. So ist es nach bisherigem Kenntnisstand nicht zu erwarten, daß jemals die Lichtgeschwindigkeit bei der Informationsübertragung oder Massenbewegung überschritten werden wird. Im Bereich der Biologie ist eine solche Grenze das uns offenbar „eingebaute“ maximal mögliche Alter von etwa 120 Jahren: Wir wissen mittlerweile auch in gewissen Umrissen, woran das liegt (neben nur unvollständig reparierten Abnutzungsprozessen aller Art ist offenbar die Anzahl der möglichen Teilungen einer Körperzelle begrenzt; deren Marker als „Telomere“ bezeichnete Endstrukturen der Chromosomen sind, die mit jeder Teilung kürzer werden) und erkennen zugleich, dass wir das wohl niemals werden biomedizinisch beeinflussen können. Und genauso unmöglich scheint die Konstruktion von Ursprachen über die Sprachstämme hinaus zu sein.
Neben dem bereits gesagten ist ein weiterer Grund, weswegen die Rekonstruktion ausgestorbener Sprachstammsprachen oder gar Ursprachen mehrerer Sprachstämme die mit dem Sprachalter zunehmende Komplexität: je weiter man in die Geschichte einer Sprache zurückschaut, desto komplexere insbesondere grammatische Strukturen findet man, und umgekehrt: alle bekannten Sprachen verlieren mit der Zeit an grammatischer Komplexität. (Sie dazu unten mehr). Es lässt sich postulieren, dass ein Teil dieser Komplexität der „Ursprachen“ uns grundsätzlich nicht mehr erreichbar ist, da davon keine Spuren mehr vorhanden sind und daher Sprachrekonstruktionen, die ja von den überlieferten, durch diesen Verlust gekennzeichneten späteren Sprachen ausgehen müssen, hier grundsätzlich begrenzt sind.
Die ältesten Sprachen der Welt
Die ältesten erhaltenen und entzifferten schriftlichen Sprachzeugnisse sind auf Sumerisch abgefaßt und nach allgemeiner Annahme um 3100 v.Chr. entstanden. Sumerisch wurde vom 4. bis etwa zur Mitte des 2. Jahrtausend vor Christus im südlichen Teil von Mesopotamien, im Süden des heutigen Irak gesprochen. Es sind mehr sumerische Texte überliefert als althebräische und sumerisch wurde noch lange nach seinem Verschwinden als gesprochene Sprache als Gelehrten- und Kultsprache verwendet, ähnlich wie später Latein in Westeuropa. Die letzten erhaltenen sumerischen Texte wurden zur Zeit der Geburt Cäsars um 100 v. Chr. abgefasst. Wenig später ging die Kenntnis des Sumerischen verloren und musste seit dem 19. Jahrhundert mühsam wiedergewonnen werden. Es überwiegen bei weitem Wirtschafts- und Verwaltungstexte sowie Rechts- und Prozessurkunden unter den Texten.
Sumerisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt, auch nicht mit dem Akkadischen, das in derselben Region gesprochen wurde –also ein eigener Sprachstamm– und alles andere als primitiv: Es besitzt wenigstens 9 Kasus –neben denen des Indogermanischen noch den Äquitiv (Vergleichsfall: „wie Wasser“), den Lokativ (Ortsfall „im Haus“) und den Komitativ (Gemeinschaftsfall „mit Peter“). Das Verbalsystem ist schwindelerregend komplex. Mittels einer Fülle von Präfixen, Infixen und Suffixen können Verbalinhalte äußerst präzise formuliert werden. Es gibt alleine 7 Modi: Indikativ, Optativ, Prohibitiv (Verbotsform), Prekativ (Wunschform), Kohortativ (Ermahnungsform), Prospektiv (mögliche Verwirklichung) und Imperativ. Zu Tempora wie dem Permansiv (Zustandsausdruck) oder Aspekten wie Punktual und Durativ und einer Fülle weiterer Möglichkeiten, Intensität, Richtung, Relation und Objektbeziehung der Handlung auszudrücken gibt es in heutigen Sprachen keine Entsprechung – gegenüber Sumerisch ist vielmehr Deutsch primitiv.
Näher betrachten wollen wir Akkadisch, das u.a. in Babylon und Ninive gesprochen wurde. Akkadisch ist ein Oberbegriff für seine beiden Hauptdialekte Babylonisch und Assyrisch sowie eine reihe anderer zeitlicher und rämlicher Varianten. Der auf Akkadisch überlieferte Textkorpus ist etwa gleich groß wie der gesamte antike lateinische Textkorpus.
Die frühesten akkadischen Belege sind Personennamen und einzelne Wörter in sumerischen Texten des 27. Jahrhundertes vor Christus. Hervorzuheben ist die Bedeutung des Mittelbabylonischen das 1500- bis 1000 vor Christus in ganz Vorderasien als Diplomatensprache diente wie bis heute Französisch und in neuester Zeit Englisch. Als Umgangssprache wurden akkadische Dialekte im 1. Jahrtausend vor Christus, besonders nach der Zerstörung Ninives 612 v. Chr und dem Ende des babylonischen Reiches 539 v. Chr. ., durch Aramäisch verdrängt. Die letzten schriftlichen Dokumente stammen aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, danach erlischt die Kenntnis dieser Sprache, bis sie wie das Sumerische durch die Altphilologie ab Ende des 18. Jahrhunderts wiedergewonnen wurde.
Das Akkadische gehört zum Hamito-Semitischen und innerhalb dieses Stammes zu den semitischen Sprachen – Hebräisch, Aramäisch und Arabisch sind verwandte Sprachen. Es ist wie alle semitischen Sprachen eine flektierende Sprache, weist aber gegenüber den anderen semitischen Sprachen Eigenheiten auf: Es wurde stark durch das Sumerische beeinflusst, weil die Akkader kulturell ausnehmend von den Sumerern abhängig waren und sich zudem die beiden Völker eng vermischt hatten. Das akkadische Nominalsystem kennt 2 Geschlechter (Maskulinum und Femininum), 3 Numeri (Singular, Dual, Plural), einen Status rectus und einen Status constructus sowie 3 Kasus (Nominativ, Genitiv und Akkusativ). Hinzu kommen noch 2 weitere seltenere Fallformen: Der Lokativ- Adverbial und der Terminativ-Adverbial.
Eine Vorstellung der Deklination soll im folgenden das Wort kalbum (Hund) bzw. kalbatum (Hündin) durchexerziert werden:
Status rectus masc.

Beim Dual werden keine Geschlechter unterschieden und kein Status rectus bzw. constructus Als Beispiel das Wort sepan („beide Füße“): Nominativ sepan Genitiv sepin Akkusativ sepin.
Das Verbalsystem des Akkadischen ist sehr komplex. Wie bei allen semitischen Sprachen sind dessen Grundlage die meist aus drei Konsonanten gebildeten Wortwurzeln. Diese können durch Suffixe, Infixe und Affixe modifiziert werden. Dies ist übrigens gänzlich andere Art, Worte zu bilden und zu konjugieren, als in indogermanischen Sprachen und bei der nicht vorstellbar ist, wie sie mit diesen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sei. Man unterscheidet verschiedene Verbalstämme; eine bestimmte Wortwurzel erscheint üblicherweise nicht in allen durch das Sprachsystem vorgegebenen Verbalstämmen.
Nachfolgend soll vereinfacht das regelmäßige Verbum parasum „scheiden“ dargestellt werden. Im Akkadischen werden nach Konvention die Personen in anderer Reihenfolge aufgeführt als dies in indogermanischen Sprachen üblich ist: Die Reihenfolge ist 3., 2. , 1. Person, die 3. und 2. Person wird zudem für maskulinum und femininum gesondert aufgeführt, da sie zum Teil. unterschiedlich ist.
Die Formen des Grundstammes oder G- Stammes:
Präsens: Das akkadische Präsens kann Verschiedenes ausdrücken: Gegenwärtiges, Zukünftiges, Duratives (in Gegenwart und Vergangenheit), Modales. (Modal = können, wollen, dürfen, Durativ = eine andauernde Handlung vgl. im Englischen „I am singing“ oder „I was singing“).



Im Präteritum, Präsens, Perfekt und Permansiv können in allen Verbalstämmen Subjunktivformen gebildet werden. An die endungslosen Verbformen wird dabei das Suffix -u angehängt. Der Subjunktiv kennzeichnet das Verb in den dem Hauptsatz untergeordneten Nebensätzen. So lautet z.B. die Form iprus (er schied) im Subjunktiv iprusu.
Der Ventiv:
In allen vier Tempora bzw. Aspekten (Praeteritum, Präsens, Perfekt und Permansiv) und in allen Verbalstämmen können Ventivformen gebildet werden. Dabei werden an die Verba die Suffixe –am, -m bzw. –nim angehängt. Der Ventiv macht eine Aussage über die Bewegungsrichtung der durch das Verb ausgedrückten Handlung („zu mir“, „her“). Als repräsentatives Beispiel folgen die Formen des Praeteritums in G- Stamm; iprusam z.B. bedeutet „er schied her“ oder „er schied (und kam) zu mir“.

Selbstverständlich kann auch im Akkadischen ein Imperativ gebildet werden, und zwar in allen Verbalstämmen. (Es gibt also z.B. einen Imperativ Passiv), auch dazu gibt es in lebenden indogermanischen Sprachen keine Entsprechung.
Als Beispiel folgen nur die Formen des G- Stammes. Der Imperativ bildet nur die 2. Person.
G- Stamm, Imperativ: Singular Plural
2. Person mask. purus pursa
2. Person fem. pursi pursa
Beim Partizip werden 2 Geschlechter unterschieden, Singular und Plural, Status rectus und Status constructus und die Kasusformen Nominativ, Genitiv und Akkusativ. Das Partizip kann von allen Verbalstämmen gebildet werden. Es Beispiel die maskulinen Nominativformen im Singuar der 4 Verbalstämme: G-Stamm parism N-Stamm mupparsum D-Stamm muparrisum Š-Stamm mušaprisum Der Infinitiv kann in allen allen 4 Verbalstämmen gebildet werden, es gibt also z.B. einen Infinitiv Passiv. Er wird oft auch im Genitiv dekliniert verwendet.
Mit diesen Beispielen sind die grammatischen Möglichkeiten des akkadischen Verbums noch lange nicht erschöpfend beschrieben – durch Infixe können etwa 7 weitere Verbalstämme mit verschiedener Bedeutung gebildet werden. Nebst dem Imperativ kennt das Akkadische verschiedene Wunschformen wie den Prekativ „ich/du/er soll/sollst“ etwas tun oder den Voluntativ „ich/du/er will“ etwas tun Insgesamt kommt man problemlos auf 1000 und mehr verschiedene mögliche synthetische Verbalformen.
Die Übersetzung –oder auch nur das Erlangen einer Vorstellung- dieser ungeheuren Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten- ist in den heutigen romanischen oder germanischen Sprachen praktisch nicht möglich; man benötigt dazu sehr umständliche Konstruktionen mit Hilfsworten und -verben, die das Sprachverständnis mehr hemmen als fördern. Der sprachlich nicht vorgebildete Leser wird ohnehin Schwierigkeiten haben, sich unter den genannten Ausdrücken etwas vorstellen zu können. Am besten wird es noch demjenigen gelingen, der einmal Altgriechisch gelernt hat, das ebenfalls grammatische Möglichkeiten bietet, von denen wir in unseren modernen Sprachen nicht einmal träumen können – und das doch im Vergleich zum Akkadischen ziemlich simpel ist.
Ähnlich liegen die Verhältnisse in Altägyptisch (2600 – 2100 v. Chr.). Das Verbalsystem eignet sich dank seiner Komplexität vorzüglich zum Ausdruck großer Präzision und feiner Nuancierungen. Es hat 6 Modi, Handlungen können mit Zeitbezug (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) oder ohne Zeitbezug beschrieben werden, die Aspekte Durativ, Punktual und Resultativ werden unterschieden und es gibt in der Konjugation 8 Personen, indem die 2. und 3. Person Singular in männlich und weiblich geschieden werden.
Die beobachtete Veränderung von Sprachen in der Zeit
Wer einmal Latein und Griechisch gelernt hat, dem ist sicherlich ein Eindruck erinnerlich: Der vom Französischen über das Latein zum Griechisch und innerhalb des Griechischen von der Koiné zu Homer zunehmende Umfang der Grammatik. Latein hat mehr Kasus, Modi und Tempora als das Deutsche, Griechisch mehr als Latein und Homer verwendet Formen wie den Dual, den Platon nicht mehr gebraucht. Neugriechisch ist weiter reduziert, z.B. ist der Dativ weggefallen und die romanischen Sprachen wie Französisch haben eine „einfachere“ Grammatik als Latein – am besten hat übrigens Portugiesisch das Latein „bewahrt“. In diesen indogermanischen Sprachen fällt also ein Verlust von grammatikalischem Reichtum und damit Ausdrucksmöglichkeiten mit der Zeit auf. Der Aorist, das Medium oder der Optativ des Griechischen können im Deutschen nur durch umständliche Konstruktionen mit Hilfsverben wiedergegeben werden, was beispielsweise bei Bibelübersetzungen, die textlich „ansprechen“ müssen, meist nicht geschieht und so zu einer Nivellierung der ursprünglichen Aussagen führt.
Betrachten wir als Beispiel die Flexion des Substantives im Lateinischen und was daraus in den romanischen Sprachen Französisch und Portugiesisch geworden ist. Man weiß sicher, dass sich Französisch und Portugiesisch aus dem Vulgärlatein entwickelt haben.
Im Lateinischen gibt es 5 Deklinationen:

Auf Französisch bleiben davon gerade einmal Singular und Plural, zudem nicht nach Deklinationen geschieden und in den meisten Fällen zwar im Schriftbild unterschiedlich, aber zum Ärger der kleinen Gallier, die das in der Schule lernen müssen, lautlich gleich, abgesehen von ein paar Sonderformen. Der Plural wird dann nur angezeigt durch die lautlich veränderte Form der Präposition „les“ statt „le“ oder „la“. Im heutigen Französisch sind gegenüber dem Französisch vor hundert oder zweihundert Jahren die Existenz des Subjonctivs und des Passé simple bedroht.
Auf Portugiesisch sieht es ähnlich aus – vielleicht ein bisschen besser; insgesamt ist Portugiesisch die romanische Sprache, die das Lateinische noch am besten konserviert hat. Auch hier ist das Kasussystem zusammengebrochen bis auf die Unterscheidung Singular und Plural, die allerdings meistens noch sowohl lautlich wie im Schriftbild unterscheidbar sind. Auch im Portugiesischen dient der Artikel zur weiteren Unterscheidung Singular- Plural.

Nebenbei bemerkt, zeigt bereits das Lateinische einen Verlust an grammatikalischer Fülle gegenüber dem Indogermanischen: Die Maskulina auf -er der o- Deklination haben den ursprünglichen Ausgang -us eingebüßt, z.B. magister ou puer: - Das e vor dem r gehört bei manchen zum Stamm und bleibt dann in allen Kasus: puer pueri puero etc.. Bei den meisten ist es nur zur Erleichterung der Aussprache eingefügt worden in bleibt dann nicht: magister magistri magistro etc. Der alte (griechische) Genitiv findet sich noch in der Verbindung pater bzw. mater familias. In der sog. 3. Deklination stehen konsonantische und vokalische Stämme. Sie haben sich auch vermischt:
classis classis classi classem aber Gen Pl classium
gens gentis genti gentem gentium
civis civis civi civem civium
urbs urbis urbi urbem urbium
Akk. Pl ältere Formen classis gentis urbis civis
Die Verba deponentia lassen Reste einer alten Ausdrucksweise erkennen, die im griechischen Medium noch vorliegt: hortari loqui pati largiri. Bereits im klassischen Griechisch gab es Abbauprozesse gegenüber dem älteren Griechisch von Homer. Prägnantes Beispiel: Der Verlust des Duals, den Homer noch gebraucht. Von den ursprünglich 8 Kasus des Indogermanischen hat das Griechische den Ablativ und Instrumentalis ganz, den Lokativ bis auf geringe Reste eingebüßt.
Der Laut „w“ wurde später im Ionisch-Attischen nicht mehr gesprochen. Das heutige moderne Griechisch ist, vom Standpunkt der Formenlehre gesehen, nur noch ein Schatten des klassischen Griechisch: U.a. wurden die Deklinationen weiter vereinfacht, der Dativ ist ganz weggefallen, in der Flexion des Verbums sind der gesamte Optativ und das gesamte Medium weggefallen und dazu noch der Infinitiv.
Es ist erschütternd, wieweit die skizzierten Beispiele des Verlustes grammatikalischer Komplexität generalisierbar sind. Alle bekannten Sprachen zeigen dieses Phänomen. Ohne Ausnahme. Akkadisch, Ägyptisch, Hebräisch, Arabisch, Äthiopisch, Sanskrit – alle Sprachen in allen Sprachstämmen während ihrer gesamten bisher beobachteten Geschichte, die in vielen Fällen wegen des Fehlens schriftlicher Dokumente obendrein recht kurz ist.
In 3 Sprachstämmen (Indogermanisch, Semitisch, Sino-Tibetanisch) lassen sich Sprachen über Jahrtausende zurückverfolgen und sie zeigen ohne Ausnahme im gesamten Zeitraum das hier für die romanischen Sprachen und das Griechische beschriebene Phänomen. In den übrigen Fällen ist die beschriebene Sprachgeschichte kürzer – oft nur einige Jahrzehnte, wie in Fällen von schriftlosen Insulanersprachen in der Südsee, die erst durch Besuche und Aufzeichnungen von Linguisten dokumentiert wurden. Aber auch hier sieht man dieses Phänomen des Verlustes.
Psychologisch ist dies begründet in einer weltweit und zu allen Zeiten beobachteten „Trägheit der Sprechenden“: der Mensch tendiert, den mentalen und physischen Aufwand seiner Bemühungen allgemein und so auch beim Sprechen zu minimieren. Dies führt zum Abschleifen phonologischer Elemente („Wörter“) und Eliminierung morphologischer Strukturen („Grammatik“ im Sinne von Formenlehre) und wurde als Gesetzmäßigkeit schon im 19. Jahrhundert erkannt. Dieses „Zerfallsgesetz in der Linguistik“ kann mit etwas Phantasie als eine Form des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik aufgefasst werden:
„In einem abgeschlossenen System kann die Entropie nicht abnehmen“
Die Entropie ist ein Maß für die Ordnung eines Zustandes. Sie wird ausgedrückt als die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ordnungszustandes. Da geordnete Zustände seltener als ungeordnete, werden sie „automatisch“ weniger wahrscheinlich und damit weniger häufig angenommen.
Mathematisch formuliert: Entropie S := k ln p; k Boltzmann- Konstante k = 1.38 * 10-23 J/K
p Wahrscheinlichkeit eines Zustandes, 0<p<1mit 0 unmöglicher Zustand und 1 sicherer Zustand.
Dieses Phänomen wurde schon von dem römischen Dichter Vergil beschrieben:
„Saatgut sah ich, erlesenster Art, mit Mühe geprüftes,
dennoch entarten, sofern nicht menschliche Arbeit
alljährlich immer das Beste auslas mit der Hand. So stürzt durch das Schicksal
alles in steten Verfall und treibt absinkend nach rückwärts
wie ein Ruderer, der stromauf mit Mühe den Nachen
vorwärts zwingt: lässt flüchtig nur einmal die Arme er sinken
reißen ihn jäh die Fluten zurück in sausender Strömung.
Vergil, Georgica I, 198- 203
Die empirische Beobachtung zeigt das genaue Gegenteil von ständiger Höherentwicklung. Neben dem Verlust von Komplexität in der Formenlehre beobachtet man bei Sprachen mit der Zeit ein Abschleifen phonologischer Elemente: die Wörter werden kürzer: die lateinischen Worte amicus, panis, credere und bonus (Freund, Brot, glauben, gut) werden auf Französisch zu ami, pain, croire und bon und auf Portugiesisch zu amigo (hier tritt kein Abbau ein; Portugiesisch konserviert das Latein noch am besten), pâo crere und bom.
Nur wenige Sprachen können wie das Deutsche Wörter neu bilden, indem bisher unabhängige Wörter oder Wortteile aneinander gehängt werden. Zu „fernsehen“ und „Fernseher“ gebildet aus „fern“ und „sehen“ gibt es in romanischen Sprachen keine Entsprechung. Man behilft sich dann oft mit griechisch oder lateinischstämmigen Kunstworten wie „téléviseur“, aber typischerweise bilden romanische Sprachen Neuworte durch mit einem Bindewort angehängte Spezifikationen eines Grundwortes „le chef de parti” auf Französisch und ähnlich auf Portugiesisch „o chefe do partido (oder de partido)” statt „der Parteichef“ im Deutschen.
Dieser Neubildungsprozess überdeckt und kompensiert teilweise den Prozess der Abschleifung, und es ist darum wichtig, ihn zu erwähnen. Generell ist es so, dass der Mensch äußerst begabt ist, neue Wörter zu erfinden, wenn auch meistens nicht aus dem Nichts, sondern unter Verwendung bereits vorhandenen Sprachgutes: Neue Wörter werden fast immer aus vorhanden Wörtern der eigenen bzw. von fremden Sprachen gebildet. In populären Schriften zur Evolution der Sprache wird manchmal solche Wortneubildung als wichtiger Mechanismus bei der Sprachevolution herausgestellt –das ist nur insofern richtig, als dass er lediglich den Teilbereich der Lexik betrifft: Unbestritten haben moderne Sprachen ein unvergleichlich größeres Vokabular als etwa das klassische Latein, auch wenn das gesamte Vokabular– man denke nur an die zahllosen wissenschaftlichen und technischen Fachausdrücke - von keinem einzelnen Sprecher mehr gemeistert wird. Die Erweiterung des Vokabulars ist aber etwas völlig anderes als die Erweiterung in der Formenlehre bzw. der Verlust, der in dieser erfolgt. Populäre Schriften übergehen diesen Unterschied durchweg.
In einem Bereich der Sprache gibt es allerdings ganz sicher sowohl Zu- wie Abnahme im Laufe der Zeit, ohne dass gesagt werden könnte, was überwiegt: In der Phonologie. Viele Sprachen verlieren im Laufe der Zeit einzelne ihrer Phoneme, z.B. kommen im klassischen Griechisch der „w“- Laut und der „j“- Laut nicht mehr vor. Andere Sprachen gewinnen Laute hinzu, so sind die Nasalvokale im Französischen verhältnismäßig neu hinzugetreten. Französisch besitzt etwa doppelt so viele Phoneme wie das Lateinische. Dieses komplexe Phoneminventar wurde im Mittelalter durch unbewusste Prozesse aufgebaut, hat sich aber seitdem wieder etwas reduziert. Jedenfalls ist es sicher, dass es bezüglich der Phonetik sowohl – und ohne Überwiegen des einen oder anderen Prozesses Aufbau wie Abbau geben kann.
Das Problem liegt also nicht darin, zu belegen, dass Sprachen bzw. sprechende Populationen weitere Phoneme „entwickeln“ können (und auch wieder verlieren), sondern in der Definition von Evolution im Sinne von Höherentwicklung auf der Ebene der Phonetik: Ist eine Sprache mit vielen Phonemen höher entwickelt als eine Sprache mit wenigen? Ein Musiker –und vielleicht jeder künstlerisch denkende Mensch- wird für die Verwendung möglichst vieler Phoneme plädieren, da eine solche Sprache einen höheren ästhetischen Wert hat. Ein ökonomisch denkender Bioinformatiker wird dagegen für wenige Phoneme eintreten, da so ein kleinerer Aufwand betrieben wird, der schließlich das „sprechende Lebewesen“ Stoffwechselenergie kostet. Das Ideal „höchstmögliche Informationsdichte bei möglichst wenigen Bausteinen“ ist etwa im genetischen Code der DNS verwirklicht: Man kann ausrechnen, dass die Kodierung von 20 Aminosäuren durch 4 Buchstaben in Dreiergruppen am materialsparendsten ist. Die DNS dient genauso der Informationsübertragung wie die Sprache und soll ja genauso durch Evolution selektiert worden sein. Warum also sollte bei der DNS maximale Sparsamkeit das Ziel sein und bei der Sprache nicht? Andererseits leuchtet es zunächst unmittelbar ein, dass eine phonetische reiche Sprache „höher“ steht –zumindest in dem Sinne, dass man für ihre Entstehung mehr Aufwand annehmen muß- als eine phonetisch arme. Da hier keine objektive Festlegung des Evolutionszieles möglich ist, scheidet die Phonetik als Beleg für Evolution der Sprache aus.
Neben dem oben beschriebenen Abbau in der Formenlehre gibt es teilweise auch einen Aufbau neuer Formen. Um dieses Phänomen zu verstehen, muss die Unterscheidung zwischen synthetischen und analytischen Formen eingeführt werden. Synthetische Formen werden durch Abwandlung eines Wortstammes gebildet, z.B. die zitierten Beispiele aus der akkadischen und lateinischen Konjugation. Analytische Formen verwenden dafür Hilfsworte, z.B. Präpositionen, Artikel und Hilfsverben. Der lateinische Genetiv und Dativ werden in romanischen Sprachen durch entsprechende Präpositionen und teilweise auch durch die Stellung im Satz ausgedrückt. Ähnlich in der Flexion des Verbums. Das französische oder portugiesische Passiv wird mit dem Hilfsverb „sein“ gebildet, wie auch im Deutschen. Lateinisch hatte dafür eigene synthetische Formen bereit, d.h. das Verbum selber wurde entsprechend abgewandelt, so dass Person und Modus des Passiv ohne ein dazugenommenes Hilfsverb darstellbar waren. Der oben skizzierte Abbau in der Formenlehre wie der Zusammenbruch des Kasussystems und der Verlust ganzer Modi und Tempora in den romanischen Sprachen wird so teilweise kompensiert. Man kann auch in modernen Sprachen das meiste ausdrücken, was die klassischen Dichter und Denker gesagt haben – aber oft nicht so schön und vielfach nur sehr umständlich.
In kleinem Umfang kommt es nun in einem Prozess ähnlich der Abschleifung von Worten zur Verschmelzung von analytischen Formen zu neuen synthetischen Formen. Das französische Futur ist aus Verschmelzung des Verbalstammes mit dem Hilfsverbum „avoir“ „haben“ entstanden. Das skandinavische Passiv entstand möglicherweise durch die Verschmelzung der aktiven Form des Verbums mit dem Reflexivpronomen „sik“ bzw. „sig“ (sich).
Aber einmal verwenden viele Sprachen wie etwa das Akkadische Flektionssysteme, die nicht einfach auf Anhängen oder Voranstellen von Suffixen beruhen, so dass deren Ursprung in der simplen Verschmelzung mit Hilfsverben bzw. anderen Hilfsworten nicht vorstellbar erscheint. Zum anderen ist einfach empirisch dieser Prozess der Neubildung viel geringer als der des Verlustes. Sprachen entwickeln nach allem, was wir beobachtet haben, insgesamt keine neuen Formen, sondern verlieren in der Formenlehre, oft sogar rasant schnell. Das heutige Griechisch gebraucht nur noch einen Bruchteil der über 450 synthetischen Flexionsformen des Verbums und ersetzt das fehlende durch Hilfsverben wie εχειν echein haben. Das Lateinische verwendete über 170 synthetische Verbalformen, das Französische hat deren noch 40 – Neubildung überwiegt offensichtlich nicht; dieser Befund ist ein typischer Befund für Sprachen in der Zeit.
Gegenüber den weit über 1000 synthetischen Verbalformen des Akkadischen erscheint das entsprechende Inventar des Französischen geradezu wie ein Witz und erst recht die gerade mal 4- 5 synthetischen Formen, die im Englischen noch zu jedem Verbum gebildet werden können: Als Beispiel „speak“ sprechen: speak, speaks, spoke, spoken, speaking. Das Altenglische kannte noch eine reichere Flexion des Verbums: Zusätzlich zu den 4 heutigen synthetischen Formen des regelmäßigen Verbums „help“ helfen (help, helps, helped, helping) traten etwa im Präsens die konjugierten Formen ic (I) helpe, thu (you) hilpst, he hilpth und im Plural „helpath“. Auch im Präteritum gab es mehr synthetische Formen, die heute verschwunden sind. Man kann spekulieren, dass alle synthetischen Formen durch Verschmelzung oder andere, teilweise unbekannte Prozesse entstanden sind – was wir aber beobachten ist, dass dieser Prozess nicht ausreicht, um den morphologischen Zerfall auszugleichen oder gar umzukehren.
Teilkompensiert wird dies durch die angelegte Kreativität des Menschen in Syntax und Lexik: der Mensch kann leicht neue Wörter erfinden (Lexik) oder neue Wortstellungen im Satz schaffen (Syntax), das heißt z.B. ein Tempus oder ein Modus durch Hilfsverben kennzeichnen statt durch eine synthetische Form des Verbums. Sprachen bleiben so immer funktionell. Englisch und Chinesisch sind Sprachen nahe am „Endpunkt“ dieser Entwicklung. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass „Gewinn“ in einem Teilbereich einer Sprache –etwa der Lexik- nicht erklärt, wie in einem anderen Teilbereich der Sprache –der Morphologie- ein Gewinn eintreten kann. Sprachen können mehr Vokabeln gewinnen oder Dichter immer neue Stellungen von Worten im Satz erproben – damit ist aber nicht erklärt oder gar bewiesen, dass eine Sprache, die nur Passiv und Aktiv kennt plötzlich auch die Formen des Mediums entwickeln soll. Bei Englisch und Chinesisch stellt sich auch besonders deutlich das Problem der Homophonie, d.h. dass gleich klingende Worte unterschiedliches bedeuten, was zeigt, dass die Vereinfachung nicht beliebig weit voranschreiten darf.
Wir haben hier zugleich ein gewichtiges Argument für ein junges –im Bereich einiger Jahrtausende- Alter der Menschheit. Offensichtlich kann ein solcher Sprachzerfall nicht schon seit Millionen oder Hunderttausenden von Jahren vor sich gehen, da ja die Ursprachen nicht unendlich komplex gewesen sein können. Man kann abschätzen, eine wie komplexe Sprache eine menschliche Bevölkerung noch intellektuell meistern kann und man hat eine Vorstellung über den Ausgangspunkt des Sprachzerfalls. Und in der Tat sollen ja die heutigen Sprachstämme vor 6000-8000 Jahren entstanden sein; wir hatten oben gesehen, dass wir aus grundsätzlich linguistisch nicht über diese zurückkommen, mag auch in populären evolutionistischen Publikationen –deren Absicht, auf Grundfragen des Menschen „Wo komme ich her?“ „Wer bin ich?“ „Was soll ich tun?“ zu antworten, oft sehr klar erkennbar ist- anderes suggeriert werden.
Evolutionistische Sprachentstehungstheorien
Die ersten Theorien zur Sprachentstehung tauchten im 18. Jahrhundert auf, formuliert von Philosophen der Aufklärung. Von Anfang an war ihr größter Fehler, dass sie als Hypothesen über den Ablauf eines nicht-dokumentierten historischen Geschehens prinzipiell nicht nachprüfbar sind, da die behaupteten ersten Worte und Sätze der Frühmenschen längst verklungen sind und da es keine Zeitmaschinen gibt, mit denen man in die Vergangenheit fahren und nachsehen könnte. Um so mehr ist der Phantasie damit freien Lauf gelassen und eine Folge davon ist, dass sich schon 1866 die Pariser Sprachgesellschaft in ihren Statuten die Annahme von Sprachentstehungstheorien verbot.
Wir haben oben schon gesehen, dass wir aus prinzipiellen Gründen unseren Forschungshorizont wohl niemals über die Sprachstämme hinausgelangen lassen können. Bereits sichere Erkenntnisse über die „Ursprache“ der Menschheit sind uns versagt – um so mehr über deren behauptete spontane Entstehung. Es hat sich dementsprechend unter Evolutionisten bis heute kein allgemeiner Kontext bezüglich der Entstehung der Sprachen gebildet – das alleine ist schon ein wichtiger Befund. Die bestehenden Theorien lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: Die Kontinuitäts- und die Diskontinuitätsthese.
Die Kontinuitätsthese
Im Rahmen der Kontinuitätsthese versucht man, die Sprachenentstehung als eine linear verlaufende Evolution mit stufenweisem Wachstum und quantitativen Veränderungen zu verstehen. Langsam und schrittweise sei aus tierischen Lautäußerungen der Aufbau der menschlichen Sprache erfolgt.
Australopithezinen hätten vor 4 Millionen Jahren nur gutturale Laute ausgestoßen, so wie wir dies bei Schimpansen kennen. Vor ungefähr 1 ½ Millionen Jahren habe der Homo erectus einzelne Wörter gebraucht. Eine Million Jahre später sei er in der Lage gewesen, 2-Wort-Sätze hervorzubringen. Der prähistorische Homo sapiens habe es schließlich geschafft, längere Wortketten ohne viel Grammatik zu bilden. Die komplexe Sprache sei aber erst mit dem vor 40 000 Jahren angesetzten allgemeinen kulturellen Aufschwung in Europa entstanden.
Die Diskontinuitätsthese
Die biologische Diskontinuitätsthese –dass die Sprachfähigkeit und die Sprachen durch einen einzigen plötzlichen Mutationssprung entstanden- ist mit der modernen Genetik vom Tisch; man weiß heute zu gut, wie fürchterlich kompliziert etwa neuronale Strukturen und Signalmoleküle sind und welche eine Unmenge von Genen für diese jeweils kodieren. Und man hat eine recht brauchbare Vorstellung, „wieviel“ Mutation jeweils von einer Generation auf die andere auftreten kann; zwischen den erforderlichen und den möglichen Änderungen liegen Größenordnungen.
Bleibt die linguistische Diskontinuitätshypothese. Sie geht davon aus, dass die menschliche Sprache nicht schrittweise, sondern spontan innerhalb kurzer Zeit auftrat. Man stellt sich vor, dass eine bisher anders verwendete „Hardware“ –etwa Nervenzellareale im Gehirn- plötzlich auf eine neue Funktion umschaltete; etwa so, wie man in Experimenten Blinden oder Tauben eine Seh- oder Hörapparatur an einen peripheren sensiblen Nerven „angeschlossen“ hat, der bisher einer anderen Funktion diente und ihnen so, verbunden mit einem entsprechenden Training, erneute die Wahrnehmung von optischen oder akustischen Informationen über ursprünglich ganz anders genutzte Nerven- und Hirnbahnen ermöglicht.
Es liegt in der Natur der Diskontinuitätsthese, dass sie noch schwerer zu belegen ist als die Kontinuitätsthese: keiner kann wissen, wie dieser Sprung ausgesehen haben mag. Sie erfreut sich allerdings deshalb einer gewissen Beliebtheit, einfach weil die Einwände gegen die Kontinuitätsthese unlösbar erscheinen und die alternative Annahme „Die Sprache wurde von einem intelligenten Schöpfer dem Menschen mitgegeben“ vielen Wissenschaftlern à priori nicht diskutierbar erscheint – man könnte sie auch als „atheistisch an Gott glauben“ bezeichnen.
Im folgenden werden nun einige Sprachentstehungstheorien kurz kritisch vorgestellt. Die etwas bösartig anmutenden Bezeichnungen sind in der evolutionistischen Sprachentstehungsdiskussion üblich.
Die „Wau-Wau-Theorie“
Auch als „onomatopoetische Theorie“ bezeichnet sagt sie aus, dass sich die ersten Wörter Nachahmung von Tier- und Naturlauten gewesen sein sollen. Aus diesen Grundbausteinen seien im weiteren Verlauf der Evolution die heutigen Sprachen entwickelt worden. Etwa „mäh“ für Schaf oder „wau- wau“ für Hund, und so weiter; als die Etymologie, die Wortherkunftsforschung aufkam, war sie noch stark motiviert von dem Gedanken, dass man durch die Ergründung der Urgestalt eines Wortes schließlich auf einen onomatopoetischen Lautkörper stoßen müsste. Doch hat das Suchen in dieser Richtung bisher nichts erbracht
Es sind in heutigen Sprachen die wenigsten Bezeichnungen onomatopoetisch; Wörter sind normalerweise willkürlich gewählte Zeichen für Inhalte, was die unfassbar große Vielfalt von Bezeichnungen für dasselbe Ding in den Sprachen der Welt drastisch belegt. Man kann behaupten, die Wörter hätten sich im Laufe der Zeit klanglich verändert. Bei semitischen Sprachen, die man über Jahrtausende zurückverfolgen kann, gibt es allerdings viele Wurzeln, die über Jahrtausende extrem stabil geblieben sind und trotzdem keine Belege für eine lautmalerische Herkunft liefern.
Die „Aua-Theorie“
Auch als „interjektionale Theorie“ bezeichnet sieht sie den Ursprung der Sprache in Alarm- und anderen durch Emotionen hervorgerufenen Schreien und Ausrufen aller Art wie „Aaaa“ oder „Iiiii“. Auch der so genannte „Urschrei“ gehört in diese Kategorie. Natürlich kommt diese Theorie wegen fehlender Dokumente nicht über das Niveau der Spekulation hinaus. Außerdem liefert sie keinerlei Hinweise, wie die komplexen morphologischen Systeme von grammatisch reichen Sprachen wie des Akkadischen entstanden sein sollen.
Die „Hauruck-Theorie“
Auch als „synergastische Theorie“ bezeichnet sieht sie Ausrufe und Befehle bei der gemeinsamen körperlichen Arbeit am der Ursprung der menschlichen Sprache: Nebst koordinierenden und befehlenden Zurufen habe das rhythmische Unterstreichen des Arbeitstaktes dabei eine wichtige Rolle gespielt. Verwandt damit ist die Theorie der Mutter-Kind-Beziehung: aus nichtsprachlichen Lauten, von Müttern im Umgang mit ihren Kindern zu deren Beruhigung und Liebkosung sollen in Wechselwirkung die ersten sprachlichen Äußerungen entstanden sein. Auch hier ist wieder kritisch anzumerken, dass zwischen einzelnen Ausrufen und Beruhigungslauten und der komplexen Langue einer Hochsprache ein Abgrund liegt.
Zu allen diesen auf der Kontinuitätsthese beruhenden Theorien ist grundsätzlich anzumerken, dass die beobachtete Veränderung von Sprachen in der Zeit im wichtigen Teilbereich „Formenlehre“ das genaue Gegenteil des evolutionistisch zu erwartenden ist: die ältesten bekannten Sprachen der Menschheit sind hochkomplex und sie verlieren im Laufe der Zeit an Komplexität. Dies lässt sich unter Verwendung eines allgemein gültiges Naturgesetz auch theoretisch begründen, dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.
Evolutionisten müssen behaupten, dass in vorgeschichtlicher Zeit durch unbekannte Mechanismen die hochkomplexen bekannten alten Sprachen von selbst entstanden, die seit sie über schriftliche Aufzeichnungen beobachtbar sind, ständigen spontanen Abbau zeigen. Ein weiterer grundsätzlicher Einwand gegen die „spontane“ Entstehung einer Sprache ist das schon 1756 von Johannes Süßmilch aufgestellte „Süßmilchsche Paradoxon“: um eine Sprache konstruieren zu können –etwa Esperanto als „Weltsprache“ oder Neuhebräisch auf der Basis des nicht mehr gesprochenen Althebräisch- muss der „Sprachschöpfer“ eine Denkfähigkeit besitzen. Denkfähigkeit setzt aber bereits das Vorliegen eines quasi-sprachlichen Mittels voraus, mittels dessen das Denken geschieht. Das Süßmilsche Paradoxon ist eine Variante des bekannten „Henne-Ei-Problem“ und weist daraufhin, dass die Sprache als ein Design- Signal aufgefasst werden kann.
Können Menschen sprachen kreativ schaffen?
Gibt es Belege, dass heutige Menschen, die sicher mit der nötigen „Sprachhardware“ ausgestattet sind, die die Vormenschen definitionsgemäß noch nicht besaßen, Sprachen kreativ schaffen oder nicht schaffen können? In der Literatur gibt es eine Reihe von Berichten über das Schicksal von Kindern, die ohne sprachliche Zuwendung aufwuchsen, in Anlehnung an Romulus und Remus auch als „Wolfskinder“ bezeichnet. Vor etwa 2500 Jahren ließ der Pharao Psammetich zwei Babys in völliger Isolation in der Wildnis von einem Hirten aufziehen, der nicht mit ihnen sprechen durfte. Nach 2 Jahren stellte sich heraus, dass die Kinder nicht sprechen konnten (der Pharao wollte mit diesem Experiment herausfinden, was die älteste und ursprünglichste Sprache der Welt sei). Der Stauferkaiser Friedrich II. ließ im Hochmittelalter ein ähnliches verbrecherisches Experiment durchführen, und auch in diesem Falle lernten die Kinder nicht sprechen.
Es gibt einige Berichte über Kinder, die alleine im Wald aufwuchsen und später gefunden wurden. Beispielsweise der Junge Victor de Aveyron, der im Alter von 12 Jahren 1797 in den Wäldern von Caune (Südfrankreich) gefunden wurde. Er sprach keine Sprache –weder eine bekannte, noch eine neu generierte. Nach 6 Jahren geduldigem, einfallsreichem Unterricht konnte Victor lediglich ein paar geschriebene Wörter erkennen. Sprechen lernte er so gut wie nicht. Die sensible Sprache zum Spracherwerb war offensichtlich völlig verpasst worden.
Ein ähnlicher Fall wurde im 20. Jahrhundert in Kalifornien beschrieben. Man weiß seit langem, dass Kinder bis zum Alter von etwa 10 Jahren „von selbst“ Sprachen erlernen; sie sind in der Lage, das Regelwerk der Grammatik aus dem sprachlichen Input ihrer Umgebung zu extrahieren, Wortschatz und Aussprache ohne direkten Unterricht zu erlernen. Mit der Pubertät geht diese Fähigkeit verloren; Erwachsene müssen Sprachen mühsam und langwierig aktiv erlernen. Mit dem Begriff „Kreolsprachen“ bezeichnet man etwa 30 Sprachen, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert durch die Arbeiter- und Sklavenheere der europäischen Kolonialmächte ausgebildet worden sind.
Im einzelnen lief dieser Prozess der Sprachneubildung über den Zwischenschritt des Pidgin ab: In vielen Fällen kamen in einer Kolonie Menschen ganz verschiedenster Sprachen zusammen mit entsprechenden Verständigungsproblemen. Man behalf sich mit primitiven Behelfssprachen, dem Pidgin: Die Wörter einer Pidgin- Sprache stammten meist aus der von den jeweiligen Herrschern gesprochenen Sprache, z.B. aus dem Französischen, Spanischen, Portugiesischen oder Niederländischen. Von der Grammatik dieser Sprachen wurde soviel wie möglich abgestreift. Pidgin ist eine rudimentäre Sprache mit geringem Wortschatz.
Diese Arbeiterheere hatten aber Nachkommen. Ihre Kinder bekamen hauptsächlich Pidgin zu hören, so dass dieses Idiom ihre „Muttersprache“ wurde. Oft geschah erstaunliches: das Pidgin wurde „kreolisiert“. Die offene Grammatik der Elterngeneration bekam durch die Kinder Regelcharakter, so dass sich schließlich eine verbindliche Satzbau- Grammatik entwickelte. Festzuhalten ist, dass Kreol und Pidgin beileibe nicht aus dem Nichts „aufwärts“ entstanden, sondern ausgehend von vorhandenen Sprachen gewissermaßen „abwärts“, d.h. diese stark vereinfachend: Kreolsprachen bestehen zur Hauptsache aus Substantiven und Verben. Es gibt keine Deklination und Konjugation. Fragen werden durch steigende Satzmelodie gebildet. Die Zeitformen werden durch vor das Verb gestellte Partikel gebildet.
Dies ist ein wichtiger Einwand gegen die Diskontinuitätsthese: wenn heutige, mit allen Anlagen zum Erlernen einer Sprache ausgestatteten Menschen nicht ohne sprachlichen Input sprechen lernen, so ist dies für hypothetische Frühmenschen, die nur mehr oder weniger brauchbare „Sprachhardware“ besaßen, vernünftigerweise erst recht nicht anzunehmen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kulturstand und Sprache?
Evolutionär wird oft in der steigenden menschlichen Kulturentwicklung der entscheidende Faktor gesehen, der die Höherentwicklung der Sprache verursachte. Höhere Kultur braucht eine leistungsfähigere Kommunikation und umgekehrt. Darwin selber vermutete, dass beispielsweise die Feuerländer, die für ihn die „primitivsten Wilden“ waren, die er kannte und die er entweder für das Zwischenglied von Affe und Mensch oder zumindest nicht weit davon entfernt hielt, eine entsprechend rudimentäre Sprache hätten. Spätere Untersuchungen zeigten, dass die Sprache der Feuerländer genauso leistungsfähig und komplex ist wie moderne europäische Sprachen.
Nach diesem Konzept müssten die Sprachen von heutigen Steinzeitkulturen zumindest im Mittel „primitiver“ sein als die von Hochkulturen. Diese „Primitivität“ in den Eingeborenen-Sprachen existiert aber nicht, wie sich an Beispielen u.a. der Feuerländer oder nordamerikanischer Indianersprachen zeigen lässt. So haben die Wintu-Indianer in Kalifornien z.B. spezielle Formen, die unterscheiden, ob eine Aussage eine Übernahme vom Hören-Sagen ist, Resultat einer persönlichen Beobachtung oder einer logischen Schlussfolgerung. Für letztere werden zudem 3 Plausibilitätgrade unterschieden. Militärisch wurden Indianersprachen in den Weltkriegen wichtig: als Funker verwendete Comanche-Indianer übermittelten Meldungen in ihrer Muttersprache, die für die feindlichen B-Dienste praktisch nicht zu entschlüsseln waren.
Die Sprachen der Eingeborenen in aller Welt sind vielmehr hochkomplex. Es gibt nicht einmal ein einziges Ausnahmebeispiel unter den Tausenden von heute bekannten Sprachen, das der evolutionistisch angenommenen Koppelung zwischen Kulturstand und Sprachniveau bezüglich der Eingeborenen-Sprachen in etwa entgegenkommen würde.
Biblisch-thomistische Schlussfolgerungen
Nach allem was wir bisher wissen, ist der Mensch zwar begabt im Bereich der Lexik und der Dichtung, aber er ist unfähig, spontan komplexe grammatische Sprachstrukturen gleichsam aus dem Nichts hervorzubringen. Zugleich zeigen alle Sprachen während ihrer gesamten Geschichte einen kontinuierlichen Verlust von morphologischer Fülle. Es ist bisher nicht gelungen, alle Sprachen auf eine oder wenigstens eine kleine Gruppe von Ursprachen zurückzuführen und wahrscheinlich ist es prinzipiell unmöglich, über die heute identifizierten Sprachstämme hinauszukommen, deren Alter im Bereich deutlich unter 10 000 Jahre angesetzt wird.
All das harmoniert verblüffend gut mit dem Bericht der biblischen Urgeschichte, an deren grundsätzlicher historischer Wahrheit ein Thomas von Aquin in der Tradition der Kirchenväter und Heiligen angefangen mit Papst Clemens in seinen gleichnamigen Briefen an die Kirche von Korinth im 1. Jahrhundert keine Zweifel hatte, wie etwa die entsprechenden Questiones des 1. Bandes der Summa theologiae zeigen:
Dort wird berichtet, dass Adam bereits von Anfang an die Fähigkeit zur Neuschöpfung von Worten besaß - er benannte die verschiedenen Tierarten. Auch konnte Adam Sprache dichterisch einsetzen: als Gott ihm Eva vorstellte, formulierte er ein kleines poetisches Dankgebet.
In Babel wurde die bis dahin einheitliche Sprache der Menschheit von Gott “verwirrt”: statt einer Sprache erhielt die Menschheit viele verschiedene und spaltete sich so automatisch in viele kleine Gruppen auf, die rasch auseinander zogen. Möglicherweise erhielt sogar jede Großfamilie ihre eigene Sprache. Die hohe grammatische Komplexität dieser von Gott geschaffenenen Sprachen verhinderte sehr gut das rasche Erlernen und diente damit optimal dem Zweck der Sprachverwirrung: die Menschheit in Gruppen zu trennen. Außerdem zeugte sie von der Größe, Macht und Genialität Gottes: aus Gott hervorgehendes ist immer sehr gut, selbst da, wo der unmittelbare Anlass das Gericht ist und die ursprünglich geschaffenen Sprachen gestatteten Ausdrucksweisen und differenzierte Kommunikationsmöglichkeiten, von denen wir nicht einmal mehr träumen können. Vgl. den Wein, den Jesus Christus auf der Hochzeit zu Kana aus Wasser wandelte: es war nicht irgendein, sondern der beste Wein.
Natürlich können solche Überlegungen nicht beweisen, dass die biblische Urgeschichte wahr ist. Aber sie können zeigen, dass es nicht unvernünftig ist, aufgrund des Glaubens an die Autorität des offenbarenden Gottes sie als wahr anzunehmen.
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