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Evolutionistische Sprachentstehungstheorien
Die ersten Theorien zur Sprachentstehung tauchten im 18. Jahrhundert auf, formuliert von Philosophen der Aufklärung. Von Anfang an war ihr größter Fehler, dass sie als Hypothesen über den Ablauf eines nicht-dokumentierten historischen Geschehens prinzipiell nicht nachprüfbar sind, da die behaupteten ersten Worte und Sätze der Frühmenschen längst verklungen sind und da es keine Zeitmaschinen gibt, mit denen man in die Vergangenheit fahren und nachsehen könnte. Um so mehr ist der Phantasie damit freien Lauf gelassen und eine Folge davon ist, dass sich schon 1866 die Pariser Sprachgesellschaft in ihren Statuten die Annahme von Sprachentstehungstheorien verbot.
Wir haben oben schon gesehen, dass wir aus prinzipiellen Gründen unseren Forschungshorizont wohl niemals über die Sprachstämme hinausgelangen lassen können. Bereits sichere Erkenntnisse über die „Ursprache“ der Menschheit sind uns versagt – um so mehr über deren behauptete spontane Entstehung. Es hat sich dementsprechend unter Evolutionisten bis heute kein allgemeiner Kontext bezüglich der Entstehung der Sprachen gebildet – das alleine ist schon ein wichtiger Befund. Die bestehenden Theorien lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: Die Kontinuitäts- und die Diskontinuitätsthese.
Die Kontinuitätsthese
Im Rahmen der Kontinuitätsthese versucht man, die Sprachenentstehung als eine linear verlaufende Evolution mit stufenweisem Wachstum und quantitativen Veränderungen zu verstehen. Langsam und schrittweise sei aus tierischen Lautäußerungen der Aufbau der menschlichen Sprache erfolgt.
Australopithezinen hätten vor 4 Millionen Jahren nur gutturale Laute ausgestoßen, so wie wir dies bei Schimpansen kennen. Vor ungefähr 1 ½ Millionen Jahren habe der Homo erectus einzelne Wörter gebraucht. Eine Million Jahre später sei er in der Lage gewesen, 2-Wort-Sätze hervorzubringen. Der prähistorische Homo sapiens habe es schließlich geschafft, längere Wortketten ohne viel Grammatik zu bilden. Die komplexe Sprache sei aber erst mit dem vor 40 000 Jahren angesetzten allgemeinen kulturellen Aufschwung in Europa entstanden.
Die Diskontinuitätsthese
Die biologische Diskontinuitätsthese -dass die Sprachfähigkeit und die Sprachen durch einen einzigen plötzlichen Mutationssprung entstanden- ist mit der modernen Genetik vom Tisch; man weiß heute zu gut, wie fürchterlich kompliziert etwa neuronale Strukturen und Signalmoleküle sind und welche eine Unmenge von Genen für diese jeweils kodieren. Und man hat eine recht brauchbare Vorstellung, „wieviel“ Mutation jeweils von einer Generation auf die andere auftreten kann; zwischen den erforderlichen und den möglichen Änderungen liegen Größenordnungen.
Bleibt die linguistische Diskontinuitätshypothese. Sie geht davon aus, dass die menschliche Sprache nicht schrittweise, sondern spontan innerhalb kurzer Zeit auftrat. Man stellt sich vor, dass eine bisher anders verwendete „Hardware“ -Nervenzellareale im Gehirn- plötzlich auf eine neue Funktion umschaltete; etwa so, wie man in Experimenten Blinden oder Tauben eine Seh- oder Hörapparatur an einen peripheren sensiblen Nerven „angeschlossen“ hat, der bisher einer anderen Funktion diente und ihnen so, verbunden mit einem entsprechenden Training, erneut die Wahrnehmung von optischen oder akustischen Informationen über ursprünglich ganz anders genutzte Nerven- und Hirnbahnen ermöglicht.
Es liegt in der Natur der Diskontinuitätsthese, dass sie noch schwerer zu belegen ist als die Kontinuitätsthese: keiner kann wissen, wie dieser Sprung ausgesehen haben mag. Sie erfreut sich allerdings deshalb einer gewissen Beliebtheit, einfach weil die Einwände gegen die Kontinuitätsthese unlösbar erscheinen und die alternative Annahme „Die Sprache wurde von einem intelligenten Schöpfer dem Menschen mitgegeben“ vielen Wissenschaftlern à priori nicht diskutierbar erscheint – man könnte sie auch als „atheistisch an Gott glauben“ bezeichnen.
Im folgenden werden nun einige Sprachentstehungstheorien kurz kritisch vorgestellt. Die etwas bösartig anmutenden Bezeichnungen sind in der evolutionistischen Sprachentstehungsdiskussion üblich.
Die „Wau-Wau-Theorie“
Auch als „onomatopoetische Theorie“ bezeichnet sagt sie aus, dass die ersten Wörter Nachahmung von Tier- und Naturlauten gewesen sein sollen. Aus diesen Grundbausteinen seien im weiteren Verlauf der Evolution die heutigen Sprachen entwickelt worden. Etwa „mäh“ für Schaf oder „wau- wau“ für Hund, und so weiter; als die Etymologie, die Wortherkunftsforschung aufkam, war sie noch stark motiviert von dem Gedanken, dass man durch die Ergründung der Urgestalt eines Wortes schließlich auf einen onomatopoetischen Lautkörper stoßen müsste. Doch hat das Suchen in dieser Richtung bisher nichts erbracht
Es sind in heutigen Sprachen die wenigsten Bezeichnungen onomatopoetisch; Wörter sind normalerweise willkürlich gewählte Zeichen für Inhalte, was die unfassbar große Vielfalt von Bezeichnungen für dasselbe Ding in den Sprachen der Welt drastisch belegt. Man kann behaupten, die Wörter hätten sich im Laufe der Zeit klanglich verändert. Bei semitischen Sprachen, die man über Jahrtausende zurückverfolgen kann, gibt es allerdings viele Wurzeln, die über Jahrtausende extrem stabil geblieben sind und trotzdem keine Belege für eine lautmalerische Herkunft liefern.
Die „Aua-Theorie“
Auch als „interjektionale Theorie“ bezeichnet sieht sie den Ursprung der Sprache in Alarm- und anderen durch Emotionen hervorgerufenen Schreien und Ausrufen aller Art wie „Aaaa“ oder „Iiiii“. Auch der so genannte „Urschrei“ gehört in diese Kategorie. Natürlich kommt diese Theorie wegen fehlender Dokumente nicht über das Niveau der Spekulation hinaus. Außerdem liefert sie keinerlei Hinweise, wie die komplexen morphologischen Systeme von grammatisch reichen Sprachen wie des Akkadischen entstanden sein sollen.
Die „Hauruck-Theorie“
Auch als „synergastische Theorie“ bezeichnet sieht sie Ausrufe und Befehle bei der gemeinsamen körperlichen Arbeit am Ursprung der menschlichen Sprache: Nebst koordinierenden und befehlenden Zurufen habe das rhythmische Unterstreichen des Arbeitstaktes dabei eine wichtige Rolle gespielt. Verwandt damit ist die Theorie der Mutter-Kind-Beziehung: aus nichtsprachlichen Lauten, von Müttern im Umgang mit ihren Kindern zu deren Beruhigung und Liebkosung sollen in Wechselwirkung die ersten sprachlichen Äußerungen entstanden sein. Auch hier ist wieder kritisch anzumerken, dass zwischen einzelnen Ausrufen und Beruhigungslauten und der komplexen Langue einer Hochsprache ein Abgrund liegt.
Zu allen diesen auf der Kontinuitätsthese beruhenden Theorien ist grundsätzlich anzumerken, dass die beobachtete Veränderung von Sprachen in der Zeit im wichtigen Teilbereich „Formenlehre“ das genaue Gegenteil des evolutionistisch zu Erwartenden ist: die ältesten bekannten Sprachen der Menschheit sind hochkomplex und sie verlieren im Laufe der Zeit an Komplexität. Dies lässt sich unter Verwendung eines allgemein gültigen Naturgesetzes auch theoretisch begründen, dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.
Evolutionisten müssen behaupten, dass in vorgeschichtlicher Zeit durch unbekannte Mechanismen die hochkomplexen bekannten alten Sprachen von selbst entstanden, die seit sie über schriftliche Aufzeichnungen beobachtbar sind, ständigen spontanen Abbau zeigen. Ein weiterer grundsätzlicher Einwand gegen die „spontane“ Entstehung einer Sprache ist das schon 1756 von Johannes Süßmilch aufgestellte „Süßmilchsche Paradoxon“: um eine Sprache konstruieren zu können –etwa Esperanto als „Weltsprache“ oder Neuhebräisch auf der Basis des nicht mehr gesprochenen Althebräisch- muss der „Sprachschöpfer“ eine Denkfähigkeit besitzen. Denkfähigkeit setzt aber bereits das Vorliegen eines quasi-sprachlichen Mittels voraus, mittels dessen das Denken geschieht. Das Süßmilsche Paradoxon ist eine Variante des bekannten „Henne-Ei-Problem“ und weist daraufhin, dass die Sprache als ein Design- Signal aufgefasst werden kann.
Können Menschen sprachen kreativ schaffen?
Gibt es Belege, dass heutige Menschen, die sicher mit der nötigen „Sprachhardware“ ausgestattet sind, die die Vormenschen definitionsgemäß noch nicht besaßen, Sprachen kreativ schaffen oder nicht schaffen können? In der Literatur gibt es eine Reihe von Berichten über das Schicksal von Kindern, die ohne sprachliche Zuwendung aufwuchsen, in Anlehnung an Romulus und Remus auch als „Wolfskinder“ bezeichnet. Vor etwa 2500 Jahren ließ der Pharao Psammetich zwei Babys in völliger Isolation in der Wildnis von einem Hirten aufziehen, der nicht mit ihnen sprechen durfte. Nach 2 Jahren stellte sich heraus, dass die Kinder nicht sprechen konnten (der Pharao wollte mit diesem Experiment herausfinden, was die älteste und ursprünglichste Sprache der Welt sei). Der Stauferkaiser Friedrich II., der u.a. einen Bruder unseres größten Theologen Thomas’ von Aquins, ermordete, ließ im Hochmittelalter ein ähnliches verbrecherisches Experiment durchführen, und auch in diesem Falle lernten die Kinder nicht sprechen.
Es gibt einige Berichte über Kinder, die alleine im Wald aufwuchsen und später gefunden wurden. Beispielsweise der Bub Victor de Aveyron, der im Alter von 12 Jahren 1797 in den Wäldern von Caune (Südfrankreich) gefunden wurde. Er sprach keine Sprache –weder eine bekannte, noch eine neu generierte. Nach 6 Jahren geduldigem, einfallsreichem Unterricht konnte Victor lediglich ein paar geschriebene Wörter erkennen. Sprechen lernte er so gut wie nicht. Die entscheidende Phase zum Spracherwerb war offensichtlich völlig verpasst worden.
Ein ähnlicher Fall wurde im 20. Jahrhundert in Kalifornien beschrieben. Man weiß seit langem, dass Kinder bis zum Alter von etwa 10 Jahren „von selbst“ Sprachen erlernen; sie sind in der Lage, das Regelwerk der Grammatik aus dem sprachlichen Input ihrer Umgebung zu extrahieren, Wortschatz und Aussprache ohne direkten Unterricht zu erlernen. Mit der Pubertät geht diese Fähigkeit verloren; Erwachsene müssen Sprachen mühsam und langwierig aktiv erlernen. Mit dem Begriff „Kreolsprachen“ bezeichnet man etwa 30 Sprachen, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert durch die Arbeiter- und Sklavenheere der europäischen Kolonialmächte ausgebildet worden sind.
Im einzelnen lief dieser Prozess der Sprachneubildung über den Zwischenschritt des Pidgin ab: In vielen Fällen kamen in einer Kolonie Menschen ganz verschiedenster Sprachen zusammen mit entsprechenden Verständigungsproblemen. Man behalf sich mit primitiven Behelfssprachen, dem Pidgin: Die Wörter einer Pidgin-Sprache stammten meist aus der von den jeweiligen Herrschern gesprochenen Sprache, z.B. aus dem Französischen, Spanischen, Portugiesischen oder Niederländischen. Von der Grammatik dieser Sprachen wurde soviel wie möglich abgestreift. Pidgin ist eine rudimentäre Sprache mit geringem Wortschatz.
Diese Arbeiterheere hatten aber Nachkommen. Ihre Kinder bekamen hauptsächlich Pidgin zu hören, so dass dieses Idiom ihre „Muttersprache“ wurde. Oft geschah erstaunliches: das Pidgin wurde „kreolisiert“. Die offene Grammatik der Elterngeneration bekam durch die Kinder Regelcharakter, so dass sich schließlich eine verbindliche Satzbau-Grammatik entwickelte. Festzuhalten ist, dass Kreol und Pidgin beileibe nicht aus dem Nichts „aufwärts“ entstanden, sondern ausgehend von vorhandenen Sprachen gewissermaßen „abwärts“, d.h. diese stark vereinfachend: Kreolsprachen bestehen zur Hauptsache aus Substantiven und Verben. Es gibt keine Deklination und Konjugation. Fragen werden durch steigende Satzmelodie gebildet. Die Zeitformen werden durch vor das Verb gestellte Partikel gebildet.
Dies ist ein wichtiger Einwand gegen die Diskontinuitätsthese: wenn heutige, mit allen Anlagen zum Erlernen einer Sprache ausgestattete Menschen nicht ohne sprachlichen Input sprechen lernen, so ist dies für hypothetische Frühmenschen, die nur mehr oder weniger brauchbare „Sprachhardware“ besaßen, vernünftigerweise erst recht nicht anzunehmen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kulturstand und Sprache?
Evolutionär wird oft in der steigenden menschlichen Kulturentwicklung der entscheidende Faktor gesehen, der die Höherentwicklung der Sprache verursachte. Höhere Kultur braucht eine leistungsfähigere Kommunikation und umgekehrt. Darwin selber vermutete, dass beispielsweise die Feuerländer, die für ihn die „primitivsten Wilden“ waren, die er kannte und die er entweder für das Zwischenglied von Affe und Mensch oder zumindest nicht weit davon entfernt hielt, eine entsprechend rudimentäre Sprache hätten. Spätere Untersuchungen zeigten, dass die Sprache der Feuerländer genauso leistungsfähig und komplex ist wie moderne europäische Sprachen.
Nach diesem Konzept müssten die Sprachen von heutigen Steinzeitkulturen zumindest im Mittel „primitiver“ sein als die von Hochkulturen. Diese „Primitivität“ in den Eingeborenen-Sprachen existiert aber nicht, wie sich an Beispielen u.a. der Feuerländer oder nordamerikanischer Indianersprachen zeigen lässt. So haben die Wintu-Indianer in Kalifornien z.B. spezielle morphologische (Formenlehre-) Formen, die unterscheiden, ob eine Aussage eine Übernahme vom Hören-Sagen ist, Resultat einer persönlichen Beobachtung oder einer logischen Schlussfolgerung. Für letztere werden zudem 3 Plausibilitätsgrade unterschieden. Militärisch wurden Indianersprachen in den Weltkriegen wichtig: als Funker verwendete Comanche-Indianer übermittelten Meldungen in ihrer Muttersprache, die für die feindlichen B-Dienste praktisch nicht zu entschlüsseln waren.
Die Sprachen der Eingeborenen in aller Welt sind vielmehr hochkomplex. Es gibt nicht einmal ein einziges Ausnahmebeispiel unter den Tausenden von heute bekannten Sprachen, das der evolutionistisch angenommenen Koppelung zwischen Kulturstand und Sprachniveau bezüglich der Eingeborenen-Sprachen in etwa entgegenkommen würde.
Als ein Beleg, dass alle diese Argumente von der etablierten Sprachwissenschaft einfach nicht zur Kenntnis genommen werden, geben wir Ihnen Inhaltsverzeichnis (unten) und die für diese Fragestellung wichtigen Zitate aus einem Buch (unten rechts), das die Entstehung von Sprache (und Schrift) evolutionistisch erklären will ... und ermutigen Sie, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
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