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Eine sehr vorsichtige –aber realistischere- Annahme für den Werkzeuggebrauch geht davon aus, dass die Hälfte –also 20 der 40 Einwohner- überhaupt Werkzeuge besaßen. Und zwar jeweils 5 Werkzeugsätze für verschiedene Funktionen (z.B. zur Holzbearbeitung, Jagd, Zerlegung von Tieren, Lebensmittelzubereitung) mit jeweils 8 Einzelgeräten. Das würde bedeuten, dass in Combe Grenal ständig 800 (20 * 5 * 8) Einzelwerkzeuge ständig verfügbar gewesen sein müssen. Selbst bei der Annahme, die Geräte seien eine ganze Generation lang (15 Jahre) im Gebrauch gewesen, kommt man bei 4000 Generationen nicht auf 19 000, sondern auf 3 200 000 Werkzeuge: Man hat die pro Tag von rezenten Wildbeutern verbrauchten Steinwerkzeugmengen ermittelt. Ein Mann der Pintupi aus dem Western Desert in Australien verbraucht etwa ein Steinwerkzeug alle 2 Tage; ein Mann der Ngatatjara-Aborigines etwa eines alle 4 Tage. Bei Mitrechnung der keine Werkzeuge produzierenden Kinder und Alten sind die pro Tag verbrauchten Mengen entsprechend niedriger.
Natürlich wird man niemals alle Werkzeuge in den Schichten finden. Auch können sie im Einzelfall z.B. in Flussgebieten infolge Verrollung oder Verwitterung als Artefakte unkenntlich geworden sein und es können kleine, in der Altsteinzeit meist offenbar „ad hoc“ für einen unmittelbaren Bedarf –und nicht nach einem festen Modell- hergestellten Werkzeuge übersehen werden. Aber diese Unsicherheiten werden durch die viel zu hoch angesetzte Annahme eines 15 Jahre langen Werkzeuggebrauchs mehr als aufgewogen. Man kann einwenden, dass die Hinterlassenschaften der Menschen in Combe Grenal nur kurze Begehungsphasen wiederspiegeln. Die Menschen müssten dann aber außerhalb der Höhle ihre ausgedienten Werkzeuge abgelegt haben – bisher gibt es keine derartigen Funde.
Dieser Befund ist typisch und findet sich so oder ähnlich auch an anderen Fundstätten z.B. Zhoukoudian in China, das Hunsgi- Baichbach- Tal in Indien, Ubeidiya in Israel oder Berek-hat Ram auf den Golanhöhen und schließlich in England mit dem besterforschten Paläolithikum der Welt. Auf diese Diskrepanz zwischen gefundenen und eigentlich zu erwartenden Werkzeugmengen wird in der Fachliteratur gelegentlich aufmerksam gemacht, ohne jedoch Lösungsvorschläge zu benennen – manche wie Rozoy (1989) schreiben –ohne es ernst zu meinen- man müsste auf der Basis der gefundenen archäologischen Hinterlassenschaften eigentlich zur biblischen Chronologie zurückkehren, die die Menschheitsgeschichte nur etwa 6000 Jahre alt sein lässt. Ähnliche Überlegungen lassen sich bezüglich der Zahl der tatsächlich gefundenen und eigentlich vorhandenen Lagerplätze der altsteinzeitlichen Menschen anstellen.
Aufgefundene Lagerplätze
Eine ähnliche Lücke besteht zwischen zu erwartenden und tatsächlichen gefundenen steinzeitlichen Lagerplätzen: Es gibt diverse Einzelbefunde wie den folgenden (Valoch 1995), der nicht mit langen Zeiträumen vereinbar ist: Am linken Ufer der Don im Raum Kostienki breitet sich weites flaches Land aus und am rechten Ufer erheben sich stufenweise Reste pleistozäner Terrassen, die an steile, bis 100m hohe Hänge weicher kreidezeitlicher Sedimente angelagert sind. In dieses Massiv sind zahlreiche kurze breite Täler eingeschnitten, in denen insgesamt 22 jungpaläolithische Lagerplätze liegen (Abb 15)
Von diesen waren neun Lagerplätze wiederholt (zwei bis neun Mal) besiedelt. Die Gesamtausdehnung des Siedlungsareals beträgt etwa 4 km2. Der Beginn des Besiedlungszeitraums wird mit 33 000 Jahren und das Ende mit 12 000 Jahren vor heute angegeben. Da sich die nächste, zudem nur unbedeutende Fundstelle erst 200 km weiter nordwestlich befindet, ist Kostienki völlig isoliert. Während 21 000 Jahren hätten also Menschengruppen immer wieder die Täler von Kostienki im Abstand von durchschnittlich mindestens 4000 Jahren aufgesucht, obwohl diese sich durch nichts von vielen anderen Tälern, wie sie z.B. auf den 40 km des Don in südlicher Richtung zu finden sind, unterscheiden. Da es äußerst unwahrscheinlich ist, dass die Menschen rein zufällig immer wieder auf dieselben Plätze gestoßen sind (die sich wie gesagt durch keine markanten Punkte von der Umgebung unterscheiden), müsste das Wissen um ihre Lokalität über Hunderte von Generationen ohne Unterbrechung mündlich weitergegeben worden sein, während diese Plätze nicht aufgesucht wurden. Nach allem was wir über die Leistungsfähigkeit mündlicher Überlieferung wissen, ist dies völlig unrealistisch1. Und natürlich stellt sich die Frage, wo denn die Menschengruppen in den Zwischenzeiten gesiedelt haben sollen. Generell werden in der Altsteinzeit mit sinkendem Alter der Fundplätze um so mehr gefunden. (Tabelle 4), wo bei die Fundplatzzahl pro 1000 radiometrische Jahre exponentiell anzusteigen scheint.
Lösung: Die Menschheit ist jünger
Die einfachste Erklärung für den Widerspruch zu den radiometrisch bestimmten Menschheitsaltern ist, dass die radiometrischen Daten das Menschheitsalter systematisch überschätzen, und zwar je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, um so mehr (Bild ganz unten am Seitenende). Hinweise auf eine notwendige Stauchung der Menschheitschronologie kommen auch aus anderen Fachgebieten. Menting (2002) plädiert nach einer eingehenden Untersuchung der Waldgeschichte in spät- und postglazialer Zeit für eine drastische Zeitreduktion. Eine Wiederbewaldung, wie sie damals in Mitteleuropa stattgefunden hat, spielt sich nach Mentings Untersuchung nicht in Jahrtausenden ab, wie nach konventionellen Datierungsverfahren vorausgesetzt wird, sondern dauert maximal nur wenige Jahrhunderte.
In den vorhergehenden Kapiteln hatten wir Beispiele für rasche, in wenigen Generationen ablaufende Artbildungsprozesse gesehen. Bei der zeitlichen Reduktion der Menschheitsgeschichte ist nicht von einem konstanten Verkürzungsfaktor auszugehen: Schon vom Altpaläolithikum über das Mittel- zum Jungpaläolithikum hin ist eine ganz geringe Beschleunigung des Bevölkerungswachstums und kulturell-technischer Veränderungen zu beobachten. Diese Tendenz gewinnt dann aber zum Ende der Steinzeit hin etwas deutlicher an Fahrt. Es ist deshalb zu vermuten, dass die Abweichung der konventionellen von der tatsächlichen Zeit im Verlaufe des Paläolithikums, insbesondere aber zum Ende der Steinzeit hin, geringer wird. Die gewonnene Beziehung zwischen der radiometrischen und der vermuteten realen vorgeschichtlichen Zeit ist im Bild unten am Seitenende schematisch dargestellt. Die Abbildung stellt keine exakte Beziehung zwischen beiden Größen dar und erlaubt deshalb keine genaue Umrechnung. Im umstrittenen Zeithorizont sind die vermuteten realen Jahre auf der Abszisse deshalb mit einem Fragezeichen versehen. Radiometrische Altersangaben sind stets Extrapolierungen von Daten aus kleinen Messzeiträumen auf vielfach größere Zeiten (einige Jahre versus Jahrmillionen), solche Extrapolationen sind grundsätzlich kritisch zu sehen, da sich kleine Fehler stark auswirken. Vor allem aber beruhen sie auf einigen zwar plausibel klingenden, aber nicht bewiesenen Annahmen; neben genauen Vorstellungen über die Anfangskonzentrationen der gemessenen radioaktiven Stoffe setzen sie physikalisch unbewiesen eine seit Urzeiten gleichgebliebene radioaktive Zerfallskonstante voraus, d.h. dass der radioaktive Zerfall –dessen Ursache wir auch heute nicht kennen- immer mit derselben Geschwindigkeit abgelaufen ist.
1 so geriet eine gewaltige Flutkatastrophe im Jahre 1362 an der deutschen Nordseeküste mit der Zerstörung von 30 Dörfern, der Stadt Rungholt und dem Tod von 100 000 Menschen so gründlich in Vergessenheit, dass nur noch die Sage davon berichtete und die im 20. Jahrhundert erfolgte Wiederentdeckung der Spuren von Rungholt im Wattenmeer eine große Überraschung war – obgleich im 14. Jahrhundert bereits Geschichtsschreibung üblich war.
Literatur
Michael Brandt, Wie alt ist die Menschheit ? Demographie und Steinwerkzeuge mit überraschenden Befunden. Studium Integrale, Hänssler- Verlag 2. Auflage 2007, 158 p., ISBN 3-7751-4487-0
Mentin G (2002) Die kurze Geschichte des Waldes. Gräfeling
Pennington RL (2001) Hunter-gatherer demography. In: Panter- Brick C, Layton RH, Rowley- Conwy P (Editors) Hunter-gathereres. Cambridge, 170- 204
Rozoy JG (1989) The revolution of the bowmen in Europe. In: Bonsalli C (ed) The Mesolithic in Europe. Edinburgh, 13- 28
Valoch K (1995) Einige Aspekte der Besiedlungsstabilität im Paläolithikum. In: Ullrich H (ed) Man and environment in the Palaeolithic. Liège, 283- 28
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