|
Wir haben die Deklination des Substantives betrachtet; bei der Konjugation des Verbums sieht es genauso aus. Das Lateinische verwendete über 170 synthetische Verbalformen, das Französische hat deren noch 40. Das heutige Griechisch etwa gebraucht nur noch einen Bruchteil der über 450 synthetischen Flexionsformen des Verbums und ersetzt das Fehlende durch Hilfsverben wie εχειν haben („analytische Verbform“). Das heutige Englisch kann zu jedem Verbum noch 4 bis 5 synthetische Formen bilden: Zum Beispiel „speak“ sprechen: speak, speaks, spoke, spoken, speaking. Das Altenglische kannte noch eine reichhaltigere Flexion des Verbums: Zusätzlich zu den 4 heutigen synthetischen Formen des regelmäßigen Verbums „help“ helfen (help, helps, helped, helping) traten etwa im Präsens die konjugierten Formen ic (I) helpe, thu (you) hilpst, he hilpth und im Plural „helpath“ auf. Auch im Präteritum gab es mehr synthetische Formen, die heute verschwunden sind. Man kann spekulieren, daß alle synthetischen Formen durch Verschmelzung oder andere Prozesse entstanden sind wie das heutige französische Futur – was wir aber beobachten ist, daß dieser Prozeß nicht ausreicht, um den morphologischen Zerfall auszugleichen oder gar umzukehren.
Teilkompensiert wird dies durch die angelegte Kreativität des Menschen in Syntax und Lexik: der Mensch kann leicht neue Wörter erfinden (Lexik) oder neue Wortstellungen im Satz schaffen (Syntax), das heißt z.B. ein Tempus oder ein Modus durch Hilfsverben kennzeichnen statt durch eine Form des Verbums (Formen, die mit Hilfsverben gebildet werden, nennt man „analytische Formen“). Sprachen bleiben so immer funktionell. Englisch und Chinesisch sind Sprachen nahe am „Endpunkt“ dieser Entwicklung. Es ist aber wichtig zu verstehen, daß „Gewinn“ in einem Teilbereich einer Sprache –etwa der Lexik- nicht erklärt, wie in einem anderen Teilbereich der Sprache –der Morphologie- ein Gewinn eintreten kann. Sprachen können mehr Vokabeln gewinnen oder Dichter immer neue Stellungen von Worten im Satz erproben – damit ist aber nicht erklärt oder gar bewiesen, daß eine Sprache, die nur Passiv und Aktiv kennt plötzlich auch die Formen des Mediums entwickeln soll.
Dies ist zugleich ein wichtiges Argument für ein junges –einige Jahrtausende- Alter der Menschheit: Der Sprachzerfall kann nicht schon seit Millionen oder Hunderttausenden von Jahren vor sich gehen, da ja die Ursprachen nicht unendlich komplex gewesen sein können.
Bereits Latein verlor von grammatikalischer Fülle des Indogermanischen: Die Maskulina auf -er der o- Deklination haben den unsprünglichen Ausgang -us eingebüßt, z.B.: magister oder puer. Das e vor dem r gehört bei manchen zum Stamm und bleibt dann in allen Kasus: puer pueri puero etc.. Bei den meisten ist es nur zur Erleichterung der Aussprache eingefügt worden: magister magistri etc. Der alte (griechische) Genitiv findet sich noch in der Verbindung pater bzw. mater familias In der sog. 3. Deklination stehen konsonantische und vokalische Stämme. Sie haben sich auch vermischt:
classis classis classi classem aber Gen Pl classium
gens gentis genti gentem gentium
civis civis civi civem civium
urbs urbis urbi urbem urbium
Akk. Pl. ältere Formen classis gentis urbis civis
Die Verba deponentia lassen Reste einer alten Ausdrucksweise erkennen, die im griechischen Medium noch vorliegt: hortari loqui pati largiri u.a.
Schon im klassischen Griechisch gab es Abbauprozesse gegenüber dem älteren Griechisch von Homer. Prägnantes Beispiel: Der Verlust des Duals, den Homer noch gebraucht, aber Aischylos nicht mehr. Von den ursprünglich 8 Kasus des Indogermanischen hat das Altgriechische den Ablativ und Instrumentalis ganz, den Lokativ bis auf geringe Reste eingebüßt. Der Laut „w“ wurde später im Ionisch- Attischen nicht mehr gesprochen. Das heutige moderne Griechisch ist, vom Standpunkt der Formenlehre gesehen, nur noch ein Schatten des klassischen: U.a. wurden die Deklinationen weiter vereinfacht, der Dativ ist ganz entfallen, in der Flexion des Verbums sind u.a. der gesamte Optativ und das gesamte Medium einfach weg und dazu noch sämtliche Infinitive und einige Tempora.
Alle bekannten Sprachen zeigen den Verlust morphologischer Komplexität in der Zeit. Ohne Ausnahme. Akkadisch, Ägyptisch, Hebräisch, Arabisch, Äthiopisch, Sanskrit – alle Sprachen in allen Sprachstämmen während ihrer gesamten bisher beobachteten Geschichte.
In 3 Sprachstämmen (Indogermanisch, Semitisch, Sino- Tibetanisch) lassen sich Sprachen über Jahrtausende zurückverfolgen und sie zeigen ausnahmslos im gesamten Zeitraum das hier für die romanischen Sprachen und das Griechische beschriebene Phänomen. In den übrigen Fällen ist die beschriebene Sprachgeschichte kürzer – oft nur einige Jahrzehnte, wie bei schriftlosen Eingeborenensprachen Afrikas oder der Südsee, die erst durch Besuche von Linguisten dokumentiert wurden. Aber auch hier sieht man dieses Phänomen des Verlustes.
Psychologisch ist dies begründet in einer weltweit und zu allen Zeiten beobachteten „Trägheit der Sprechenden“: der Mensch tendiert, den mentalen und physischen Aufwand seiner Bemühungen allgemein und so auch beim Sprechen zu minimisieren. Dies führt zum Abschleifen phonologischer Elemente („Wörter“) und Eliminierung morphologischer Strukturen und wurde als Gesetzmäßigkeit schon im 19. Jahrhundert –zur Zeit Darwins !- erkannt. Dieses „Zerfallsgesetz in der Linguistik“ kann als eine Form des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik aufgefaßt werden:
„In einem abgeschlossenen System kann die Entropie nicht abnehmen“
Die Entropie ist Maß für die Ordnung und damit Wahrscheinlichkeit eines Zustandes. Da geordnete Zustände seltener sind als ungeordnete, werden sie „automatisch“ weniger wahrscheinlich und damit seltener angenommen.
Mathematisch formuliert: Entropie S := k ln p; k Boltzmann- Konstante k = 1.38 * 10-23 J/K
p Wahrscheinlichkeit eines Zustandes, 0<p<1: 0 unmöglicher Zustand und 1 sicherer Zustand
Dieses Phänomen wurde schon von dem römischen Dichter Vergil beschrieben:
„Saatgut sah ich, erlesenster Art, mit Mühe geprüftes, dennoch entarten, sofern nicht menschliche Arbeit alljährlich immer das Beste auslas mit der Hand. So stürzt durch das Schicksal alles in steten Verfall und treibt absinkend nach rückwärts wie ein Ruderer, der stromauf mit Mühe den Nachen vorwärts zwingt: läßt flüchtig nur einmal die Arme er sinken reißen ihn jäh die Fluten zurück in sausender Strömung.”
Vergil, Georgica I, 198- 203
Die empirische Beobachtung zeigt das genaue Gegenteil von ständiger Höherentwicklung. Ohne die Schöpferkraft des Heiligen Geistes folgt auch die katholische Religion dem Zerfallsgesetz, wir sehen das seit dem Konzil konkret in Messritus- und Liturgiezerfall, schwindendem Missionseifer oder generell in der zusammenbrechenden Unterscheidung zur heidnischen Umwelt (z.B. Stichworte „Weltbildverlag“, „Pille“ oder „Sonntagskleidung“).
Das 19. Jahrhundert hatte noch nicht die leiseste Vorstellung, wie entsetzlich kompliziert Lebewesen sind. Damit so etwas wie Evolution überhaupt funktioniert, muß man nahezu unendlich Zeiträume behaupten, in denen sich die unzähligen nötigen kleinen Schritte zu großen Veränderungen aufsummierten, um etwa vom Affen zum Menschen zu kommen.
Wenn man nun belegen kann, daß diese unendlichen Zeiträume gar nicht existieren, kommt automatisch die Evolutionstheorie zu Fall.
Solche Belege gibt es in der Bevölkerungsdynamik: Die Fachwelt nimmt allgemein ein Menschheitsalter von etwa 2 Millionen Jahren an, wobei der „moderne“ Homo sapiens vor 200 000 Jahren aufgetreten sein soll. Dieses Alter basiert auf radiometrischen Datierungen der geologisch ältesten bekannten Knochenüberreste des echten Menschen (Bild 10).
2 Millionen Jahre –eine Ewigkeit- würde also die biblische Urgeschichte von dem Beginn der Heilsgeschichte mit Abraham trennen; selbst bei einer Weltbevölkerung von nur einer Million Seelen während dieser Zeit würde der größere Teil der Menschheit durch Äonen getrennt von Jesus Christus und den Propheten des Alten Bundes gewesen sein, mit entsprechenden Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der Bibel und den anzunehmenden Heilswillen Gottes.
In historischer Zeit –seit etwa 4000 Jahren- ist die Weltbevölkerung insgesamt beständig gewachsen, bis etwa 1600 jährlich um 0.15 bis 0.3%, seitdem hat sich die jährliche Wachstumsrate auf über 2% erhöht (Bilder 11 und 12). Sehr gut gesicherte Hochrechnungen ergeben eine Weltbevölkerung von 5 bis 10 Millionen Seelen am Ende der Altsteinzeit vor 10 000 Jahren Mit der Potenzfunktion eines Taschenrechners ist auszurechnen, daß bei einer Ausgangspopulation von 2 Menschen und einem jährlichen Wachstum von nur 0.1% diese Zahl bereits nach 15 000 Jahren erreicht ist. Das Problem verschärft sich erheblich, bei Betrachtung heutiger unter Steinzeitbedingungen lebender Menschen –sogenannte Wildbeuter- und faktenbasiertem Nachdenken über die steinzeitlichen Lebensverhältnisse.
Heutige Wildbeuter leben in ungünstigen Randgebieten (Urwälder, Wüsten). Ihr Bevölkerungswachstum hängt ab von der Geburtenrate und der Überlebensrate; die meisten Geburtenraten liegen um 6, die höchste haben die Ache- Frauen im Urwald Paragays mit 8, die niedrigste die Frauen der Elfe- Pygmäen aus Zaire mit 2.6 während ihres Lebens geborenen Kindern. Die Überlebensrate bis zum 15. (50.) Lebensjahr variiert zwischen 66% (43%) bei den Ache und 51% (21%) bei den philippinischen Agta. Wildbeuter, die wie die Ache oder die Yanonamama in Amazonien günstige Bedingungen vorfinden –ein menschenleeres, ressourcenreiches Gebiet, was im 20. Jahrhundert durch Untergang mehrerer Nachbarstämme der Fall war- wachsen jährlich bis zu 2.5% (Ache) bzw. um 0.5- 1% (Yanonamama). Zum Vergleich: eine normale katholische Familie mit 5 Kindern, von denen ein Kind einen geistlichen Beruf erhält, eines aus irgendeinem anderen Grunde keine Kinder hat und 3 wieder eine ebensolche Familie gründen, hat bei einer angenommenen Generationszeit von 30 Jahren (das ist sehr viel) eine jährliche Wachstumsrate von 1.36%.
Bei einer Ausgangspopulation von nur 100 Menschen wären die 5- 10 Millionen am Ende der Altsteinzeit in 500 bzw. 1000 Jahren erreicht,ein krasserer Gegensatz zu den radiometrisch (und evolutionär !) postulierten 2 Millionen Jahren ist nicht vorstellbar, paßt aber sehr gut zu den biblischen Berichten ...
Damit die Menschheit nach 2 Millionen Jahren Existenz zu Beginn der mittleren Steinzeit nur 5- 10 Millionen Seelen umfaßte, wäre vielmehr eine jährliche Wachstumsrate von nur 0.00001 % anzunehmen (1.0000001 ↑ 2000 000 = 4900 000) – also mehr als 100 000- fach weniger als die einer beileibe nicht übermäßig kinderreichen katholischen Familie !
Auch sollte man sich die steinzeitlichen Lebensbedingungen nicht zu trübe vorstellen. Eine menschenleere Erde (Bild 13) hatte mit riesigen Großvieherden für Jäger gedeckte Tische. Die Körpergröße, Indikator der Ernährung, war nach Skelettfunden vergleichbar der heutigen und größer als z.B. im Mittelalter (wo trotzdem die Bevölkerung wuchs) oder bei rezenten Wildbeutern (Bild 14). Die Nahrungsversorung verschlechterte sich in der Mittel- und Neusteinzeit, indirekt an Skelettgröße und erlegten Beutetieren ablesbar, weil und während die Bevölkerung wuchs, so daß schließlich zur Landwirtschaft übergegangen werden mußte.
Die evolutionistische Fachwelt versucht, das fehlende Bevölkerungswachstum zu erklären. Die Theorie der häufigen Kindstötung wurde wegen fehlender fossiler, humanethologischer und selektionspositiver Befunde aufgegeben.
Man diskutiert periodische Zusammenbrüche der Weltbevölkerung, nicht nur einmal wie im 14. Jahrhundert durch die Pest in Europa und die Kavalleriedivisionen Dschingis Khans in Asien, sondern (zehn-?) tausendfach. Es gibt Belege für militärische Auseinandersetzungen schon bei Neandertalern.
Seuchen und Vernichtungskriege scheiden aber aus einem einfachen Grunde aus: die sehr niedrige Bevölkerungsdichte. Meine Kollegen in der Epidemiologie haben viele brauchbare mathematische Modelle für die Ausbreitung von Seuchen. In diese Modelle gehen als wesentliche Faktoren einmal die Eigenschaften der Erreger ein: Ansteckungsfähigkeit, Fähigkeit zum Überleben außerhalb des menschlichen Körpers, Inkubationszeit (Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit) und die Dauer der Infektiosität der Infizierten. Und die Bevölkerungsdichte. Wenn man weiß, wie Epidemien entstehen, kann man sie wirksam bekämpfen und diese Modelle stimmen, das weiß man aus praktischer Erfahrung. Epidemien gibt es in Großstädten und bei genügender Mobilität der Bevölkerung. Aber nicht in dünn besiedelten, abgelegenen Walddörfern, deren 50 oder 100 Einwohner die Bewohner des Nachbardorfes alle Jubeljahre zu sehen bekommen. Aus analogen Gründen fehlten den Stalins, Maos und Hitlers des vortechnischen Zeitalters schlicht die Mittel, die paar hundertausend weit verstreuten Einwohner ganz Europas umzubringen.
Die einfachste Erklärung für den Widerspruch zu den radiometrisch bestimmten Menschheitsaltern ist, daß die radiometrischen Daten das Menschheitsalter systematisch überschätzen, und zwar je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, um so mehr (Bild 15). Radiometrische Altersangaben sind stets Extrapolierungen von Daten aus kleinen Messzeiträumen auf vielfach größere Zeiten (einige Jahre versus Jahrmillionen), solche Extrapolationen sind grundsätzlich kritisch zu sehen, da sich kleine Fehler stark auswirken. Vor allem aber beruhen sie auf einigen zwar plausibel klingenden, aber nicht bewiesenen Annahmen; neben genauen Vorstellungen über die Anfangskonzentrationen der gemessenen radioaktiven Stoffe setzen sie physikalisch unbewiesen eine seit Urzeiten gleichgebliebene radioaktive Zerfallskonstante voraus, d.h. daß der radioaktive Zerfall –dessen Ursache wir auch heute nicht kennen- immer mit derselben Geschwindigkeit abgelaufen ist.
Welchen Nutzen kann Evolutionskritik haben ? Von der Erkenntnis der Wahrheit einmal abgesehen (was an sich schon ein sehr großer Nutzen ist) die Stützung der zahllosen biblischen und kirchlichen Lehraussagen, die mit der Evolutionstheorie nicht oder nur schlecht vereinbar sind (z.B. Wahrhaftigkeit der biblischen Schriften, Sündenfall und Erbsünde einer ursprünglich guten Menschheit, Christus Höhepunkt der Schöpfung und Maria Meisterwerk der Menschheit). Glaubenstreuen Seminaristen, die ihre modernistischen Bischöfe zwingen, sich von Häretikern ausbilden zu lassen, kann Evolutionskritik als echte intellektuelle Diakonie das Vertrauen in die Wahrheit und in die Kraft der Bibel und der Dogmen der Kirche wiederherstellen, gegen übermächtiges, gottloses Weltwissen.
Wenn die Evolutionstheorie so massiv von Feinden der katholischen Religion benutzt wird, um diese zu erschüttern und Menschen zum Abfall von Christus zu bringen, wie es in der Tat geschehen ist, sollte man theoretisch erwarten, daß ihre Widerlegung zur Neuevangelisierung beitragen könnte. Und genau das geschieht auch. Im evangelikal- freikirchlichen Bereich gibt es Evangelisten wie den früheren Direktor der Physikalisch- technischen Bundesanstalt in Braunschweig, Herr Prof. Dr. rer. nat. Werner Gitt (Bild 16), die eine für heutige Verhältnisse bemerkenswert fruchtbare Neuevangelisierung betreiben: Auch wenn protestantische Irrlehre ihren Adepten nicht einmal 3% des Gnaden- und Glaubensschatzes der katholischen Religion geben kann (Prof. Gitt pflegt seiner katholischen Stiefmutter –seine Mutter wurde auf der Flucht aus Ostpreußen von der Roten Armee verschleppt und ermordet- „hoch anzurechnen“, daß sie ihn nie katholisieren wollte), reicht sie doch immer noch aus, um in sehr vielen Fällen Menschen dem ewigen Tod zu entreißen und in den Stand der Gnade zu versetzen (3% von fast unendlich bleibt fast unendlich). Und das ist nach Thomas von Aquin in jedem Einzelfall ein größeres Wunder als die Erschaffung des Universums (und darum auch so selten).
Warum ist Evolutionskritik ein wirksames Mittel der Neuevangelisierung ? Einmal erweitert sie das Themenspektrum von Evangelisationsveranstaltungen. Viele Nichtchristen sind an typischen missionarischen Themen wie „Jesus, Dein Erlöser“ oder „Die Bibel – auch für Dich“ wenig interessiert und würden eine entsprechende Vortragsveranstaltung nicht besuchen. Mit der Evolutionskritik im „Hintergrund“ lassen sich nun diverse, zunächst religiös neutrale klingende Themen aus Biologie, Soziologie, Psychologie und Medizin als Rahmen wählen, die Nichtchristen anziehen. Das können provokante, gegen den kulturellen Mainstream gerichtete Themen sein („Stammt der Mensch vom Affen ab ?“) oder allgemein brennende Fragen („Gewalt in den Medien- Ursache für Gewalt in der Realität ?). Besonders die zweite Kategorie von Themen ermöglicht dem Vortragenden, zunächst Sachkompetenz zu zeigen und damit das Vertrauen seiner Zuhörerschaft zu erwerben. Im weiteren Vortrag können dann die aktuellen säkularen Erklärungsmodelle dargelegt werden („Wir sind eben Abkömmlinge von Tieren“, „Gewalt ist Folge unseres stammesgeschichtlichen Erbes“), die dahinterstehende Evolutionstheorie identifiziert und Argumente gegen sie gebracht werden. Argumente gegen die Evolutionstheorie sind, entsprechend gebracht, zugleich indirekte Argumente für die katholische Religion. So vorbereitet ist es leichter, über Jesus Christus zu sprechen und Seine –wahre– Sicht der Realität.
Die „Evangelisationsmethode“ Jesu Christi bestand im Kern darin, das Gesetz Mose und die Propheten des Alten Bundes neu auszulegen, Seine Person –zum Schrecken vieler Zuhörer- als deren Erfüllung darzustellen und zugleich den unerhörten Anspruch, Gott gleich zu sein, durch Taten zu bekräftigen, die kein Mensch jemals vollbringen kann: Krankenheilungen, Totenauferweckungen, Beherrschung der Naturgewalten, Herzensschau, Vorhersagen der Zukunft und vieles mehr. Jesu Taten waren wie die notarielle Beglaubigung, die Seine Worte auch da als wahr im Glauben anzunehmen ermöglichten, wo sie nicht überprüfbar waren, z.B. bezüglich Seiner Gottessohnschaft oder Seiner Gegenwart im Heiligen Messopfer.
Durch die Gnade Gottes konnten die Apostel in der Kraft des Heiligen Geistes ebenso predigen: ihre Worte wurden durch göttliche Kraft bestätigt. Im Laufe der Kirchengeschichte wurde diese Art der direkten „übernatürlichen“ Bekräftigung der christlichen Prediger langsam seltener, ohne ganz zu erlöschen – sie wurde ersetzt durch andere Formen der Bekräftigung, z.B. das ständige Wunder der Existenz der katholischen Kirche. (Der heutige Charismatismus behauptet, die urkirchlichen Zustände wiederzufinden durch angeblich wunderkräftige Prediger wie P. Emiliano Tardif oder Mrs. Kim Collins; u.a. ist dazu zu sagen, daß die Predigt der Urkirche substantiell anders war als die des üblichen „Charismatikers“, der Gott als ein Medikament zur Heilung von Beschwerden darstellt und die Kreuzesbotschaft an den Rand stellt oder emotionelles Aufputschen mit dem Wirken des Heiligen Geistes gleichsetzt; außerdem halten die behaupteten Wunder keiner Nachprüfung stand, vielmehr senkt man die Kriterien, was ein Wunder sei, um so mehr „Wunder“ behaupten zu können).
Evolutionskritik in Verbindung mit Neuevangelisation kann nun genau diese Funktion der beglaubigenden Wunder übernehmen, und sogar noch wirksamer, da besser und rational von jedem nachprüfbarer als z.B. eine einmalige Krankenheilung oder prophetische Vorhersage. Evolutionskritik zertrümmert zugleich sehr gründlich das Fundament des gegenwärtigen atheistischen Weltbildes, z.B. zur Entstehung des Lebens oder zum Alter der Menschheit. Den biblischen Schriften und den kirchlichen Lehraussagen wird in allen nachprüfbaren –d.h. sich etwa auf historische Ereignisse beziehenden- Aussagen eine Art naturwissenschaftliche Beglaubigung zuteil, analog zur Beglaubigung durch Wunder. Das erleichtert ungemein die Annahme jener Teile der katholischen Wahrheit, die nur im Glauben erfaßt werden können.
Das hier für evangelistische Vorträge gesagte gilt analog auch für entsprechende Bücher, Ton- und Videokasetten. Diese evangelistische Methode zielt besonders auf Intellektuelle und ist z.B. an Universitäten am wirksamten. Wenn Ihnen das alles zweifelhaft erscheint, so bitte ich Sie um zweierlei: Prüfen Sie, wieviel Beispiele von katholischer gemeindlich organisierter –von einer Sonntagsmessgemeinde organisierter !- Neuevangelisierung Sie überhaupt kennen. Wahrscheinlich werden Sie gar keine kennen (was vor allem daran liegt, daß es im deutschen Sprachraum fast keine gibt): dann ist es besser, Sie halten sich mit einem Urteil über die Brauchbarkeit dieser Methode zurück, da Ihnen wahrscheinlich die Erfahrung fehlt, das Gesagte zu beurteilen. Zweite Bitte: organisieren Sie eine evangelistische Vortragsveranstaltung oder eine evangelistische Kleinschrift und laden Sie mich als Redner bzw. Autor dafür ein – mit Gottes Hilfe, einem modernen Beamer oder Textverarbeitungsprogramm, um Gotteslohn und hoffentlich ohne den Heiligen spielen zu wollen werde ich dann versuchen, nach dem geschilderten Konzept Menschen zu unserem Herrn Jesus Christus und Seiner Mutter Maria zu führen.
Wir danken der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ für die Genehmigung zum Abdruck der Bilder 5-8 und 10-15
Dr. med. Wolfgang B. Lindemann 2, rue de l’École F – 5720 Walschbronn
|