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Elementare linguistische Fakten bezüglich menschlicher Sprache
Linguistisch gesehen besteht eine menschliche Sprache aus einer hierarchisch aufgebauten Kombination von 4 (bei Einbezug der Schrift 5) System-Ebenen:
1. Auf der untersten Ebene, der Phonetik oder Lehre von den Lauten, bestehen Sprachen aus „Phonemen“: Laute, die innerhalb einer Sprache bedeutungsunterscheidende Funktion haben, werden als Phoneme bezeichnet. Weltweit werden etwa 600 verschiedene Phoneme verwendet, z.B. a, b, i, d, v oder o. In keiner Sprache werden alle möglichen Laute verwendet – kaum jemals mehr als 100. Auf Deutsch beispielsweise etwa 40. Die verwendeten Phoneme können sehr unterschiedlich sein. In der Sprache der Rotokas auf der Insel Bougainville in Papua Neu-Guinea gibt es nur 6 Konsonanten und 5 Vokale, sie kann also mit nur 11 Buchstaben geschrieben werden: a, b, e, g, i, k, o, p, r, t, u. (d.h. sie kommt mit 11 Phonemen aus). Andererseits existieren in der kaukasischen Sprache Ubyx neben den Vokalen über 80 Konsonanten. In indogermanischen Sprachen werden gleich geschriebene Konsonanten oft trotzdem verschieden ausgesprochen: das portugiesische „l“ ist ein anderes als das deutsche oder das russische; das liegt an der historischen Bedingtheit und der begrenzten Zeichenzahl unserer Alphabetsysteme, die dieselben Zeichen für verschiedene Sprachen und deren Phoneme verwenden. Unter den europäischen Sprachen kennt man (heute) keine Tonsprachen im eigentlichen Sinne mehr, obgleich es weltweit tausende gibt. In Tonsprachen trägt ein Laut unterschiedliche Bedeutung, je nachdem welche Tonhöhe er relativ zum Grundton des Sprechers hat. Solche „Phoneme“ werden dann als Toneme bezeichnet. Ein Tonem kann z.B. hoch, mittel oder tief sein, aber auch fallend, steigend oder erst fallend- dann steigend bzw. steigend- fallend. Je nach Sprache ist die Anzahl der Toneme etwa 2 bis über 10. Das Altgriechische besaß verschiedene Toneme, die heute durch ein Akzentsystem mitgeschrieben, aber beim Lesen nicht mehr gesprochen werden und keine andere Funktion mehr zu haben scheinen, als Altphilologiestudenten weitere Prüfungen zu bescheren.
2. Die zweite und nächste Ebene im sprachlichen System ist die Morphologie, die Kombination von Lauten zu Wortteilen und Wörtern. Als ein Morphem wird das kleinste bedeutungstragende Element einer Sprache bezeichnet; Morpheme bestehen meist aus mehreren Phonemen, nur wenige Phoneme sind zugleich Morpheme wie im Französischen beispielsweise „à“ oder „en“.
Ein Wort kann definiert werden als eine minimale freistehende Form, die isoliert mit einer bestimmten Bedeutung geäußert werden kann und deren Bestandteile nicht abgeändert werden können, ohne eine Bedeutungsänderung zu bewirken. Nicht alle Morpheme sind Worte; auch Wortteile wie Vorsilben oder Flexionsendungen sind bedeutungstragende bzw. –verändernde Elemente, auch wenn sie nicht alleine stehen können. Die Formenlehre beschreibt, welchen systematischen Veränderungen die einzelnen Wortarten einer Sprache unterliegen, z.B. die Flexion des Verbums oder des Substantives.
3. Auf der dritten sprachlichen Ebene, der Syntax, werden bedeutungstragende Lautkombinationen -die Morpheme- zu Sätzen und Satzverbänden zusammengesetzt. Die Syntax beschreibt die Gesetzmäßigkeiten, nach denen dies in einer bestimmten Sprache geschieht und ist damit die Lehre von der Funktion der Wortarten und Wortformen im Satz, deren Zusammenstellung zu Satzteilen und Sätzen sowie der Verknüpfung von Sätzen zu Satzverbänden. Auch wenn einzelne Worte wie „Achtung“, „Halt“ oder „Ausweis“, die auch heute noch so ziemlich jeder Franzose kennt, bereits wichtige Informationen zu übermitteln vermögen, benötigen wir doch meistens mehr als ein Wort zur Kommunikation. Die Syntax regelt die Stellung der Wörter im Verbund. So müssen bei der französischen Verneinung die Worte „ne“ und „pas“ vor und hinter dem Verbum stehen, das Subjekt steht üblicherweise am Anfang und wird im Französischen vom Verbum direkt gefolgt, während im Deutschen es nur ein Verneinungswort gibt, das an einer späteren Position im Satz steht, und das Verb grundsätzlich am Ende. Eine „doppelte“ Verneinung im Deutschen ist ungebräuchlich, würde aber eine Bejahung bedeuten, da für unser Sprachempfinden dann der Sprecher seine Negativaussage wieder negiert. Das Portugiesische wiederum kennt die französische „doppelte Verneinung“ nur in bestimmten Fällen, z.B. beim Zeitwort „nunca“ niemals und bildet ansonsten die „einfache“ Verneinung wie im Deutschen.
4. Die vierte Sprachebene ist die Semantik: Die Bedeutung der Worte und Wortverbände. Die Sprachen der Welt lassen sich nach ihrer grammatischen Beschaffenheit klassifizieren. Man kann u.a. „isolierende“ und „flektierende“ Sprachen unterscheiden: Bei isolierenden Sprachen bleibt die Gestalt der einzelnen Wörter unverändert, völlig unabhängig von ihrer Funktion im Satz. Eine typische isolierende Sprache ist Chinesisch und Englisch hat sich diesem Sprachtyp deutlich angenähert. Die grammatischen Beziehungen werden bei isolierenden Sprachen durch selbstständige Wörter mit grammatischen Bedeutungen und durch die Wortstellung im Satz ausgedrückt. Dagegen können in flektierenden Sprachen die Wörter in ihrer Form verändert werden, je nach ihrer Funktion und Bedeutung im Satz. Oft werden Verschmelzungen aus Affixen und Wortstamm gebildet. Latein und Altgriechisch sind typische flektierende Sprachen, in der Gegenwart besonders ausgeprägt Russisch und Polnisch..
5. Schließlich kann noch als höchste und 5. Sprachebene die Ebene der Graphemik oder Schrift hinzugefügt werden. Derzeit sind etwa 6000-8000 Sprachen bekannt; die Zahl ist nicht exakt anzugeben, da nicht objektiv festgelegt werden kann, wo die Grenze zwischen Dialekt und Sprache verläuft. Sind Elsässisch und Mosellanisch Dialekte des Deutschen oder eigene Sprachen? Auch abhängig von politischen Überzeugungen wird die Antwort verschieden ausfallen. Selbst wenn in einem konkreten Fall eine Relation Sprache – Dialekt allgemein zugegeben wird wie bei Hochdeutsch und Bayerisch, so ist doch nicht ohne weiteres bestimmbar, was die „Sprache“ und was der „Dialekt“ ist: Norddeutsche sehen Bayerisch als einen Dialekt des Deutschen an, aber Intellektuelle aus Bayern erläutern gerne, dass das eigentliche „Hochdeutsch“ nicht das „Standarddeutsch“ der Region um Hannover sein müsste, sondern vielmehr Bayerisch, denn dieses sei sprachgeschichtlich jünger ... und demnach der Dialekt „Hochdeutsch“.
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