Geist und Materie, Gnade und Natur.
Leibnizens Kontinuitätsprinzip und was es (nicht) bedeutet

 

1. In der Debatte um Makroevolution und insbesondere Humanisation stehen die Vertreter einer bloß graduellen Entwicklung des Menschen aus der Natur heraus jene gegenüber, die meinen, es gäbe eine prinzipielle Unterscheidung von Mensch und Tier, die sich etwa mit der gottgegebenen Vergeistigung des Menschen („eingehauchter Atem“) kennzeichnen lasse. Über die dem letztgenannten Humanisationsverständnis zugrundeliegende Vorstellung einer Einwirkung der Gnade in die Natur als göttlichem Schöpfungsakt gibt es zahlreiche Schriften, vor allem freilich theologische. Doch auch für die Philosophie ist die Frage, wie sich das Verhältnis von Geist und Materie denken lässt, eine ganz zentrale und unter dem Stichwort Leib-Seele-Problem wurden und werden monistische (Geist resultiert aus Materie’ die SG T&B) und dualistische (Geist ist neben der Materie eine eigene Größe) Lösungen verhandelt.

 

2. Ein großer Philosoph, der intensiv über dieses Thema nachgedacht hat, ist Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Seine Substanzmetaphysik, die er in einem seiner Hauptwerke, der Monadologie, entfaltet, beschäftigt sich mit der ontologischen Kernfrage nach dem Sein Gottes und der Frage, in welchem Verhältnis das Seiende zu diesem Sein steht, kurz: mit der Schöpfung. Leibniz entwickelt die Idee einer völligen Durchdringung der Materie mit dem Geist Gottes, der damit eine Beziehung alles Geschaffenen zum Schöpfer einerseits und anderseits zu allem Geschaffenen garantiert. Die Natur ist somit „voll der Gnade“, sie ist von Gott eingerichtet und auf Gott hingeordnet, insoweit als die innerweltlichen Kausalitäten den Finalitäten des Transzendenzbezugs unterstehen.

 

3. Der Rationalist Leibniz geht dabei methodisch wieder auf die aristotelische Deduktion zurück (er formuliert seine Thesen vor allem gegen Bacon, den Ahnherrn des induktiven Empirismus), gewissermaßen mit einem platonischen Hintergedanken, denn auch die Metaphysik Leibnizens sieht – trotz der Einwirkung von Geist auf Materie – eine Trennung von materialer Welt (er nennt diese das „Reich der Natur“) und geistiger Welt (bei ihm das „Reich der Zwecke“) vor. Er unterscheidet in seiner Erkenntnistheorie die Kontingenz material-phänomenologischer Kausalität im „Reich der Natur“, das experimentell zugänglich ist, von der Notwendigkeit der Finalität im „Reich der Zwecke“ beziehungsweise der „Gnade“, das experimentell nicht zugänglich ist. Wir können erfahren, wie die Welt ist, aber wir können nicht in Erfahrung bringen, warum sie so ist, wie sie ist und warum eine bestimmte Kausalität auftritt. Die Art der Schöpfung (das Wie?) lässt sich damit durch Naturforschung erkennen (Biologie, Chemie, Physik), der Grund der Schöpfung (das Warum?) nur durch „Gnadenforschung“ (Theologie, Religion, Gebet).

 

4. In Leibnizens Ontologie ist die Monade Trägerin alles Seienden. Eine Monade ist die kleinste Einheit der vergeistigten Materie, eine Art „beseeltes Atom“. Sie bildet als lebendiger Baustein des Lebens die Basis für alles, was existiert. Im Klartext: Gott ist eine Monade (die „Ur-Monade“), jeder Mensch, jedes Tier, jeder Baum, jeder Stein. Damit unterscheiden sich Schöpfer und Schöpfung sowie die Entitäten des Geschaffenen nur graduell, nicht prinzipiell.

 

5. Leibnizens Vorstellung von der Kontinuität allen Daseins, von bloß graduellen und nicht prinzipiellen Unterschieden zwischen Gott und einem Stein, klingt sehr vertraut, meint aber etwas völlig anderes als dies der Leugnung prinzipieller Unterscheidbarkeit von Mensch und Tier im Rücken liegt, wie sie heute der Naturalismus formuliert. „Der Mensch ist auch nur ein Tier“ – dieses naturalistische Credo hat Folgen, denen Leibniz scharf begegnet wäre. Denn sein Monismus ist keiner der Natur, sondern der Gnade, des Geistes, der Seele. „Alles ist Geist!“, meint Leibniz auf die ontologische Grundfrage, auf die unsere Wissenschaft heute meist antwortet „Alles ist Natur!“ Dem hätte Leibniz widersprochen. Nichts ist bloße Natur, ohne Gottes Spur – das steht in der Folge von Leibnizens Monismus, also das glatte Gegenteil dessen, was die Biologie heute mehrheitlich annimmt.

 

6. Das alles ist nicht nur ein akademischer Streit im Elfenbeinturm. Diese Debatte hat weitreichende Folgen für unsere Moralität und damit für den alltäglichen Umgang mit Menschen. Deshalb ist ganz deutlich festzuhalten: Mit dem Verweis auf einen Finalitätsbezug allen weltimmanenten Geschehens in seiner Schöpfungsphilosophie depotenziert Leibniz nicht den Menschen, sondern hebt die nicht-humanen Anteile der Schöpfung in ihrer Bedeutung an. Das zu tun behaupten auch gewisse Biologen und jene Philosophen, die sich von ihnen in ihren ethischen Reflexionen beeinflussen lassen. Doch ihnen fehlt, was Leibniz selbstverständlich war: der Glaube an Gott. Dieser allein sichert bei angenommener Kontinuität auf der Ebene des empirisch Erkennbaren überhaupt nur die Sonderstellung des Menschen, verteidigt seine besondere Würde, die dem Atheisten eine menschliche Hybris ist, seine Heiligkeit, die der Atheist für „unangemessen“ (P. Singer) hält. Leibniz dient also mit seinem wirkmächtigen Kontinuitätsprinzip (man denke an die Infinitesimalrechnung, die darin ihren philosophischen Ursprung hat) nicht als Kronzeuge des Naturalismus, sondern wäre eher für einen Spiritualismus in Dienst zu nehmen, für einen pantheistischen Deismus. Letzteres würde aber verkennen, dass Leibniz selbst von solchen theologischen Folgerungen aus seiner substanzmetaphysischen Ontologie nichts wissen wollte. Er war zeitlebens ein tief gläubiger Christ, ein frommer Protestant, dem das Ringen um Ökumene ein Lebensthema war (als 1646 geborener Mitteleuropäer hat der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen den jungen Leibniz nachhaltig geprägt).

 

7. Von Leibniz lernen hieße also, der menschlichen Offenheit zur Transzendenz gerecht zu werden, durch eine ernsthafte Berücksichtigung der Möglichkeit einer finalen Dimension des Naturgeschehens durch die Gnade Gottes. Derartige Denkansätze von vornherein abzulehnen oder gar zu diskreditieren hieße, Leibnizens Begriff der Kontinuität und sein gesamten Wissenschaftsbild fehl zu deuten, denn wissenschaftliche Forschung war für Leibniz zunächst und vor allem eines: Gottesdienst.

 

(Josef Bordat)