Bezeugt das Leben die Existenz eines Schöpfers?

 

Dr. Wolfgang B. Lindemann, Bezeugt das Leben die Existenz seines Schöpfers?, Der Ruf des Königs, Kongregation der Diener Jesu und Mariens,  5. Jahrgang, Nr. 20, 4. Quartal 2006, p. 9- 11
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Die Existenz Gottes kann aus den geschaffenen Dingen ganz klar und sicher erkannt werden, so lehrt es uns das Buch der Weisheit, der Apostel Paulus (Röm 1, 19- 20) und das letzte dogmatische Konzil hat es sich 1870 11 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Darwins „On the Origin of Species“ im Kapitel 2 seiner Konstitution „Dei Filius“ zu eigen gemacht.

Wie ? Nun, normalerweise schließt man auf das Vorhandensein eines Konstrukteurs vom Vorliegen einer offenbar sinnvoll geplanten Struktur. Wenn wir einen Farbklecks und ein Rembrandt-Gemälde betrachten, sind wir uns sofort völlig sicher, was von beiden einen „Designer“ hat und ebenso bei einem Automobil oder einem „hochgezüchteten“ Stealth- Kampfflugzeug.

Viele Evolutionsbiologen geben zu, dass Organismen so aussehen, als ob sie erschaffen wären.

Hier setzt das Konzept des „Intelligent Design“ (ID) an: In den Strukturen der Lebewesen sind Eigenschaften erkennbar, die auf das Wirken eines intelligenten, planenden Urhebers (Schöpfer, „Designer“) schließen lassen. In einem Analogieschluss werden Befunde aus Technik und Kunst herangezogen, um über Lebewesen eine Aussage zu machen: Wie in Technik und Kunst bestimmte Eigenschaften eines Objektes sicher auf die Existenz seines Urhebers schließen lassen, so auch in der Biologie.

Das ID- Konzept untersucht, ob durch empirische Forschung Hinweise auf die Existenz des Schöpfers gefunden werden können. Solche Hinweise werden dann als „Design-Signale“ bezeichnet. Dabei werden außer dessen Existenz keine weiteren Aussagen über diesen Schöpfer gemacht (auch wenn viele ID- Befürworter Christen sind); es könnte sich theoretisch auch um Gottheiten wie Jupiter, Brahma oder Allah handeln oder eben auch um den wahren Gott, von dem uns Moses, Jesaja und Jesus Christus berichtet haben.

Wichtig ist weiterhin, dass das „Intelligent-Design“-Konzept kein Lückenbüßer für unbekanntes sein will, sondern „aktiv“ positive = inhaltsreiche Aussagen vorbringen will, aber nicht wie der (weltanschauliche) Naturalismus auch in Ursprungsfragen von vornherein nur natürliche Vorgänge als Erklärungen erlauben will.

Die ID- Bewegung ist letztlich eine Ausformung der 5 scholastischen Gottesbeweise (oder besser: „-aufweise“) die unser größter Theologe, der Hl. Thomas, im 3. Artikel der 2. Questio des ersten Bandes seines Hauptwerkes „Summa theologiae“ darlegt.

Die bisher beschriebenen „Design-Signale“ können in derzeit 3 große Kategorien eingeteilt werden: Irreduzible Komplexität, Spielerische Komplexität und Potentielle Komplexität.

Ein Lebewesen oder ein Teil eines Lebewesen ist „irreduzibel komplex“, wenn es aus mehreren miteinander zusammenhängenden und fein aufeinander abgestimmten Teilen besteht, so dass die Entfernung eines beliebigen Teil das Lebewesen bzw. die Funktion des betrachteten Teils restlos zerstört. Irreduzibel komplexe Strukturen können damit definitionsgemäß nicht „schrittweise“ entstehen und sind zugleich so kompliziert, daß sie nachdem was man über zufällige Mutationen im Erbgut weiß auch nicht in einem Schritt entstehen können.

Beispiele solcher Strukturen sind Legion:  Im vorigen Artikel besprachen wir die Von-selbst-Entstehung der ersten Lebewesen und haben die Schwierigkeiten gesehen, die sich z.B. der „spontanen“ Bildung der ersten Zellmembranen auftun: Eine Zellmembran ist eine solche „irreduzibel komplexe“ Struktur, denn sie muss zugleich Abgrenzung, selektiven Stoffaustausch und Informationsübertragung zwischen Zellinnerem und Umgebung erlauben. Eine wie auch immer geartete einfachste erste Zelle, die keine Nährstoffe aufnehmen und Abfallstoffe abgeben kann und keine Möglichkeit hat, Veränderungen der Umgebung zu erkennen um auf diese zu reagieren, ist nicht lebensfähig. Es ist bisher vollständig unbekannt, wie eine solche Struktur von selbst entstehen könnte, vielmehr zeigt all unser bisheriges Wissen in der Molekularbiologie, dass dies unmöglich ist.

Die evolutionskritischen, allgemein verständlichen Kleinschriften des in katholischen Kreisen bekannten Autors Prof. Dr. Kuhn basieren im wesentlichen auf diesem Argument, auch wenn es noch nicht unter der Bezeichnung „Irreduzible Komplexität“ in den größeren Rahmen von „Intelligent Design“ eingeordnet wird. Im Grunde besteht mit den Erkenntnissen der Molekularbiologie für fast alle biologischen Strukturen das Problem „irreduzibel komplex !“, aber in populäreren Schriften beschränkt man sich gerne auf solche Beispiele, die auch dem biologisch nicht vorgebildetem Leser nachvollziehbar sind.

„Spielerische Komplexität“ bezeichnet das Vorkommen von Konstruktionsmerkmalen, die ausgefallener oder komplizierter erscheinen, als die Funktion der Struktur erwarten lässt. „Warum einfach wenn’s auch kompliziert geht“, könnte man sagen und von „Luxusstrukturen“ oder „Selbstdarstellung“ sprechen.

Es gibt Beispiele dafür in Hülle und Fülle, man studiere nur ein Werk über Blütenbiologie:

So der „Aronstab“, eine Pflanze unserer Laubwälder (Bild 1): Sein Blütenstand mit dem einhüllenden Hochblatt ist als regelrechtes Insektengasthaus ausgebildet. Der obere Teil des Hochblattes ist halb geöffnet und gibt das Ende einer Keule frei, der untere Teil bleibt geschlossen. Zwischen der Keule und dem Blatt befindet sich eine Ende Öffnung, die durch abwärts gerichtete Reusenhaare zusätzlich verengt ist. Das verdickte Ende der Keule verströmt gegen Abend einen Duft, der kleine nachtaktive Insekten anlockt. In der Keule wird Stärke verbrannt, was zu Erwärmung und besserer Duftabgabe führt sowie zum Aufheizen des Inneren des Hochblattes. Die Insekten landen, rutschen nach unten, das das Blatt durch unzählige abgesonderte Öltröpfchen glitschig ist und streifen den mitgebrachten Pollen auf der Narben der Stempelblüten ab. Sie laben sich an Nektar, werden in der Wärme putzmunter und nach einigen Stunden öffnen sich die Pollenfächer und pudern die Insekten mit Pollen ein, die sie zum nächsten Aronstab bringen: die Reusenhaare welken jetzt und geben den Weg nach draußen frei.

Die meisten Pflanzen haben viel einfacher aufgebaute aber offenbar ebenso gut funktionierende Blüten! (Übrigens ist der Aronstab auch ein Beispiel für nichtreduzierbare Komplexität: alle Strukturen –Hochblatt, Keule, „Heizung“, Reusenhaare, glitschige Blattoberfläche müssen gleichzeitig vorhanden sein und koordiniert zeitgleich zusammenwirken, damit dies funktioniert. Wie soll das in kleinen Schritten entstehen?)

Ebenso ist fraglich, ob die Schönheit vieler Schmetterlinge durch Selektion erklärt werden kann; welchen Nutzen sollten so schöne Flügelzeichnungen bringen, um einen Selektionsvorteil zu gewähren? Außerdem haben nur einige Schmetterlinge wahre Ästhetikwunder auf den Flügeln.

Die dritte bisher beschriebene Kategorie von Design- Signalen sind Fähigkeiten von Lebewesen, die durch die Selektionsbedingungen ihrer behaupteten Vorfahren nicht erklärt werden können und entsprechend als „Potentielle Komplexität“ bezeichnet werden. Ein geschaffenes Ding hat sein „aktuelles“ Sein, den „Akt“ und zugleich die Möglichkeit oder „Potenz“ zu meist begrenzter Veränderung; es gibt auch Dinge, die nur in der Potenz existieren, z.B. kreative neue Ideen eines Künstlers, während Gott wiederum reiner Akt ist, Actus purus oder reines Sein, da es in Ihm keine Veränderung gibt.

Lebewesen zeigen dieses Design-Signal z.B. in ihrem genetischen Anpassungspotential. Lebewesen haben oft „eingebaute“ Programme und Mechanismen, die angelegte Fähigkeiten „bei Bedarf“ zur Geltung bringen, die ansonsten sozusagen „schlafen“. Wenn im Einzelnen plausibel gemacht werden kann, dass Lebewesen existieren, die gezielt Potential „abrufen“ können, das weder gegenwärtig noch in der Vergangenheit benötigt wurde, wäre das ein starkes Argument für die Existenz eines „Designers“, denn naturalistische Ansätze wie das blinde Spiel von zufälliger Mutation und anschließender Selektion kennen ja keine vorausschauende Instanz und können solche Befunde wie die folgenden nicht erklären:

Finken sind kleine körnerfressende Singvögel. Ein Vogelschnabel kann kurz und dick sein und damit geeignet zum Knacken harter Kerne, oder fein und lang, was Insekten in Baumrinden durch „Stochern“ leicht aufzufinden ermöglicht. Irgendwann einmal wurde ein Finkenpärchen auf eine bisher vogellose Insel verschlagen. Ihre zahlreichen Nachkommen waren alle leicht verschieden –das ist in der Biologie immer so-, z.B. hatten hinsichtlich der Schnabelform. Sie fanden verschiedene ökologische Nischen vor, die sie abhängig von ihrem Körperbau verschieden gut nutzen konnten und sich schließlich in neugebildeten Rassen darauf spezialisierten. Auf den Galapagos-Inseln vor der Küste Ecuadors ist genau dies geschehen: Es finden sich 13 Finkenarten, die sog. Darwinfinken, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen (Bild 2) und sich dort nicht mehr untereinander verpaaren – einige dieser Finkenarten können aber noch Mischlinge bilden.

Man muss nicht sonderlich helle sein, um zu merken, dass  Gottesaufweise, ob sie nun vom Hl. Thomas oder von der Intelligent- Design-Bewegung stammen, viele Menschen nicht zu Gott führen. Man kann sie aufgrund von Erziehung oder Weltanschaung verdrängen oder wegrationalisieren. Das Buch der Weisheit und Paulus sehen einen Zusammenhang zwischen, wie wir heute sagen würden, dem Verharren im Stande der Todsünde und ungenügender Gotteserkenntnis.

Es ist bezeichnend für  unsere Zeit, dass einerseits die Schmierereien moderner „Künstler“ wie zufällig entstanden aussehen (und es oft auch sind, z.B. durch Bespritzen einer Leinwand mit Farbe, was die bezahlten Preise nicht mindert), andererseits aber echte Kunstwerke, denen wir in Blüten oder Schmetterlingsflügeln gegenüberstehen, als zufällig entstanden dargestellt werden.

Beides hat eine gemeinsame Ursache: die durch die Erbsünde verletzte Menschennatur mit ihrer Neigung zum Bösen. Wir wollen der Gegenwart Gottes, die uns schließlich in Frage stellt, ausweichen, und darum leugnen wir diese, wo wir können (in der Schöpfung) bzw. wollen nicht ihr Abbild reproduzieren (in der Kunst).

Dennoch können Gottesaufweise sicheren, zwingenden Charakter annehmen, so wie der gute Schüler sicher weiß, dass ein mathematischer Satz richtig ist, auch wenn das seinen Mitschülern, die diesen nicht verstanden oder gar nicht erst studiert haben, nicht einleuchtet.

Der genannte Analogieschluss ist als ein Schluss „a posteriori“ eine der beiden Arten von wissenschaftlicher Beweisführung, wie der Hl. Thomas im 2. Artikel der oben genannten Questio ausführt: „Denn wenn in einem Falle die Wirkung für uns klarer und bekannter vorliegt, als die wirkende Ursache derselben, so gehen wir von der Wirkung her zur Kenntnis der betreffenden Ursache vor.“

Darwin ging an Bord der Beagle im Glauben an die absolute Konstanz der Arten, d.h. dass alle heute existierenden Tierarten auch so von Gott geschaffen wurden, da es im Schöpfungsbericht vielfach heiße geschaffen „nach seiner Art“.

Auf seiner fünfjährigen Weltreise fand Darwin dann zahlreiche Beispiele, die diese Idee umzustürzen schienen. So die berühmten „Darwinfinken“ (Siehe oben).

Es gibt viele weitere Beispiele für die rasche Entstehung neuer Tierarten (Bild 3). So gelangten im 17. Jahrhundert einige Hausmäuse von anlegenden Schiffen auf die Färöer-Inseln und entwickelten sich binnen dreihundert Jahren zu einer neuen biologischen Art, die sich mit den Hausmäusen, von denen sie nachweislich abstammen, normalerweise nicht mehr kreuzen. Ähnlich entwischten im 15. Jahrhundert einige Kaninchen auf der Insel Porto Santo nördlich von Madeira dem Smutje aus der Schiffskombüse, verwilderten und kreuzen sich heute normalerweise nicht mehr mit den Hauskaninchen, von denen sie ja abstammen. Daher sind auch sie als eine neue biologische Art anzusehen.

Der genannte Prof. Kuhn schließt in seinen Büchern (siehe z.B. den Beleg am Ende dieser Seite) aus diesem Befund, dass die Bibel hier eine gravierende Unwahrheit berichten würde und sie daher völlig anders zu interpretieren sei; Die zahlreichen Beispiele in seinen Büchern von irreduzibler Komplexität bei Lebewesen, die deren zufällige Entstehung ausschließt, bringen ihn dann zu der Behauptung, Gott habe an all den Stellen eingegriffen, wo die Evolution alleine sozusagen nicht weiter  wusste, das muss millionenfach gewesen sein. Kuhn geht nicht ins Detail, wann welchen Quastenflosser, Archäopterix (Urvogel) oder Schnabeltier Gott wie „umgeformt“ habe, damit sozusagen aus einem Fischei ein Frosch kroch. Und das ist vielleicht auch besser so, denn wenn in der weltweiten atheistischen Scientific community das Geschrei über die Zumutung einer einmaligen Schöpfung am Beginn der Geschichte schon gewaltig ist, so wäre es wohl ganz vorbei, wollte jemand behaupten, in der Naturgeschichte selber habe Gott über hunderte Jahrmillionen immer wieder aktiv eingreifen müssen, um den Evolutionsprozess am Evolvieren zu halten. Man will die Evolutionstheorie, weil sie Gott aus der Biologie hinauswirft!

In Wirklichkeit ist also die Bibel schlicht falsch übersetzt worden, wenn hier ein Widerspruch auftaucht. Man weiß nicht genau, was das hebräische Wort „min“, das meist mit „Art“ übersetzt wird, genau heißt, aber ganz sicher nicht „Biospecies“ im heutigen Sinne, da es diesen modernen Begriff frühestens seit Linné gibt. Nemo dat, quod non habet (Niemand gibt, was er nicht selber hat’); Moses konnte nicht einen modernen Fachbegriff gebrauchen, den es in seiner Sprache noch gar nicht gab.

Die Übersetzung ist also schwierig, nicht nur wegen unserer begrenzen Kenntnis des Hebräischen – min meint wohl soviel wie Typ, Kategorie, unterscheidbare Gruppe - sondern auch, weil in der Biologie der Begriff „Art“ nicht klar definiert ist. In den letzten 30 Jahren wurden mindestens 15 verschiedene Artbegriffe vorgeschlagen und Bücher publiziert wie „Philosophische Probleme der Arttheorie“. Die meisten Artbegriffe können zwei Hauptgruppen zugeordnet werden: der genetisch „begründeten“ Biospecies und der auch den Merkmalen begründeten Morphospecies (Bild 4). Über- bzw. unter dem „Niveau“ der Art liegen der Artenkreis und die Rasse.

Das Problem liegt in der „Schärfe“ der Definitionen: Zu einer Biospecies („biologische Art“) sollen alle Individuen gehören, die sich natürlicherweise kreuzen. Was ist „natürlicherweise“? Im Freiland, im Wildreservat oder -park oder gar im Zoo? Müssen die Nachkommen fruchtbar sein? Wenn ja, alle, mehr als die Hälfte, oder noch weniger Prozent? Je nachdem gehören z.B. Pferd und Esel derselben oder zwei verschiedenen Biospecies an, da sie sich bekannterweise kreuzen lassen und die entstehenden Maultiere bzw. Maulesel fast immer steril sind. Hunderassen wie Bernhardiner und Zwergpinscher, die sich nicht mehr paaren können, würden wiederum zwei verschiedenen Arten angehören

 

Charles Darwin
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Bild 1: Das Insektengasthaus des Aronstabs

Bild 2: Die Darwin- Finken auf den Galapagos (13 Arten)- und Cocos- Inseln (1 Art)

Bild 3: Die Färöermaus und das Port- Santo- Kaninchen

Bild 4. Unterschiedliche Definitionen zu den Artbegriffen.

Bild 5: Kreuzung von Zebra und Pferd

Oben und links:  zwei Beispiele moderner “Kunst”, die in einem Ham- burger  Museum ausgestellt waren bzw. sind

Bild 6: Kreuzungen innerhalb der Equidae (Pferdeartige).

Bild 7: Zeichnerische Veranschaulichung von Grundtypen (Kreise): Kreuzung (Linien) sind nur innerhalb möglich. Die Zugehörigkeit einiger Arten wird vermutet, ist aber bisher nicht durch Kreuzungsexperimente belegt.

Bild 8: Replikatest nach LEDERBERG.Mit diesem berühmten Experiment konnte Joshua LEDERBERG zeigen, dass Mutationen in Bakterien nicht gerichtet, sondern zufällig auftreten. Wenn ein Bakterium auf eine Agarplatte mit einem Antibiotikum gebracht wird (C), dann stellt man regelmäßig einzelne resistente Individuen fest, die auch in Gegenwart des Antibiotikums zu Kolonien heranwachsen können (D).Wird die Resistenz durch das Gift erst ausgelöst oder war sie schon in diesen Individuen vorhanden, ehe der Transfer auf die gifthaltige Platte erfolgte? Das Ergebnis des Replikatests zeigt eindeutig, dass die zweite Hypothese zutrifft,weil die resistenten Kolonien exakt an der gleichen Stelle der beiden parallelen bestempelten Platten liegen. Die Resistenz muss also schon auf der Mutterplatte (B) vorhanden gewesen sein.Wenn sie mit einer gewissen Häufigkeit durch das Antibiotikum erst ausgelöst worden wäre, würde man auf den beiden Platten resistente Kolonien an verschiedenen Stellen erwarten

Bild 10: Behauptete Makroevolution (links) und real beobachtete Mikroevolution (rechts

Bild 9: Variabilität am Beispiel des Gehäuses der Schnirkelschnecke Cepaea nemoralis

In der Schöpfungsforschung verwendet man nun neben dem Biospecies-Begriff einen zweiten, erweiterten Artbegriff: Der Grundtyp. Zu einem Grundtyp gehören alle Lebewesen, die miteinander direkt oder indirekt kreuzbar sind. (Ein Lebewesen A das mit B kreuzbar ist aber nicht mit C ist mit C indirekt kreuzbar, wenn B mit C kreuzbar ist). Pferd und Esel gehören zum selben Grundtyp, denn sie können sich kreuzen (Bild 5); zu diesem Grundtyp „Pferdeartige“ (Bild 6)gehören daneben noch die Zebras, die ebenfalls mit Pferd und Esel kreuzbar sind. Bisher sind keine Kreuzungen von anderen Unpaarhufern –oder gar Paarhufern und noch weiter „entfernten“ Arten- mit den Pferdeartigen bekanntgeworden, so dass davon auszugehen ist, dass sich dieser Grundtyp auf die genannten Arten beschränkt.

Es wird nicht gefordert, dass die Nachkommen fruchtbar sind; man weiß schon lange aus der Tierzucht und auch vom Menschen, dass es nicht viel braucht, um Sterilität hervorzurufen. Umgekehrt weiß man heute im Zeitalter der Biochemie und Molekulargenetik  –kürzlich wurde ein weiteres Genom sequenziert, diesmal das der Honigbiene- wie sehr sich zwei Organismen ähneln müssen, damit sie gemeinsam Nachkommen haben können. Es sind schon eine Reihe von Grundtypen beschrieben worden, als Beispiele seien genannt die Hundeartigen (Canidae) und die Katzenartigen (Felidae). Es sind Kreuzungen zwischen Haushund (Canis familiaris) * Rotfuchs (Vulpes), Rotfuchs * Eisfuchs (Alopex), Rotfuchs * Graufuchs (Urocyon). Hundel (Pudel) wurden auch mit Cojoten und Schakalen erfolgreich gekreuzt.

Keine Kreuzungen sind bekannt zwischen Canidae und Felidae, aber innerhalb der Felidae. Löwe und Tiger bringen miteinander Nachkommen hervor. Löwen lassen sich mit Pumas kreuzen, Hauskatzen mit Ozeloten, Luchsen  und wahrscheinlich auch Hauskatzen mit Pumas, so dass indirekt auch Löwe und Hauskatze kreuzbar wären. Im Freiland geschehen diese Kreuzungen normalerweise nicht, da z.B. Pumas, Tiger und Löwen weit voneinander getrennt und in unterschiedlichen Habitaten leben oder etwa Luchse auf Katzen hassen. Auch sind keine Kreuzungen von Pferdeartigen mit Hundeartigen oder Katzenartigen bekannt, und nach allem, was man über ihre Verschiedenheiten weiß, auch nicht zu erwarten.

Grundsätzlich ist die Zugehörigkeit zu einem Grundtyp durch Kreuzungsexperimente zu ermitteln, aber es macht Sinn, diese Zugehörigkeit anhand Ähnlichkeiten in Körperbau, Körperchemie, Verhalten und Genom zumindest zu vermuten und entsprechend Arten wenigsten vorläufig Grundtypen zuzuordnen, für die noch keine Kreuzungsversuche durchgeführt wurden bzw. –bei ausgestorbenen, nur fossil bekannten Arten- nicht durchgeführt werden können.

Die Grundtypen stellen sich also wie Elemente innerhalb von Kreisen dar (Bild 7 ): innerhalb der Kreise befinden sich die Biospecies (Elemente), die zu einem Grundtyp gehören und die miteinander verbunden d.h. direkt oder indirekt kreuzbar sind, bzw. deren Zugehörigkeit aufgrund anderer Befunde vermutet wird. Dagegen sind die Grundtypen voneinander scharf abgegrenzt und keine Kreuzungen zwischen ihnen möglich: Die Elemente haben keine über Kreisgrenzen hinausgehenden Verbindungen.

Nach der klassischen Taxonomie sind die Grundtypen meist auf dem Niveau zwischen Familie und Gattung anzusiedeln. Ein Grundtyp umfasst bei Tieren wohl durchschnittlich 20- 30 Biospecies, wobei die Zahl schwankt. Einige Grundtypen wie die auch in der klassischen Taxonomie isoliert dastehenden Spaltfußgänse enthalten nur eine Biospecies, andere wie die Equidae nur 6 rezente (lebende), die Hundeartigen etwa 35 oder sogar etwa 150 (Entenartige) oder etwa 230 (Fasanenartige). Als Regel gilt nach bisheriger Erfahrung an einigen Dutzend beschriebenen Tier- und Pflanzengrundtypen, dass mit steigender Körpermasse um so weniger Tierarten einen Grundtyp bilden.

Bei Pflanzen sind die Grundtypen weit artenreicher; meist einige hundert. Z. B. gehören alle etwa 200 Arten der Kernobstgewächse zu einem Grundtyp: Birne und Apfel sind kreuzbar, und wir verdanken die saftige Pampelmuse einer Kreuzung aus Zitrone und Orange und die leckere Nektarine einer Kreuzung aus Pflaume und Pfirsich – weitere Beispiele für zwei neue biologische Arten, die nicht direkt von Gott in der Schöpfungswoche geschaffen wurden, sondern indirekt vom Menschen innerhalb der letzten hundert Jahre. Das spricht aber nicht gegen die auch naturwissenschaftliche Irrtumsfreiheit der Bibel –unter Berücksichtigung ihrer aber in der Tat doch primär theologischen Aussageabsicht!- sondern nur für die Notwendigkeit einer korrekten Übersetzung von Worten wie „min“.

Andererseits wird der biblische Befund überinterpretiert, wenn aus ihm „aktiv“ naturwissenschaftliche Aussagen herausgezogen werden sollen. Die Bibel enthält keine Irrtümer, aber auch keine aktiv verwertbaren fachwissenschaftlichen Lehrsätze. Sie beschreibt Vorkommnisse in anschaulicher Sprache, teilweise in auch in Literaturarten wie Dichtung oder Lied. Das ist aber bei vielen auch rein menschlichen Texten so; niemand würde aus der Augenzeugenschilderung des gigantischen Sonnenwunders von Fatima astronomische Theorien über die Bewegung von Sonne und Erde ableiten; genauso ist das Buch Josua falsch interpretiert, wenn das anschaulich beschriebene Stehen der Sonne über der Erde während der Schlacht gegen die Amoriter zum Beleg für das Kreisen der Erde um die Sonne wird.

Sowohl zu einem tieferen Verständnis der Schöpfungsmethode Gottes, des Begriffes „Grundtyps“ als auch des Irrtums der Evolutionstheorie sind die weiteren Begriffe „Mikroevolution“ und „Makroevolution“ nötig: Um sie zu erklären, betrachten wir zunächst, was für eine Art von Evolution man bisher beobachtet hat. Als Arzt weiß ich beispielsweise, dass Bakterien gegen Antibiotika resistent werden können – deswegen wird heute uns Landärzten empfohlen, nur bei begründetem Verdacht auf eine bakterielle Infektion Penicilline oder Makrolide zu verschreiben. Die meisten grippalen Infekte beruhen auf Viren, gegen die Antibiotika nicht helfen.

Da ein großes Interesse daran besteht, hat man gut erforscht, wie Bakterien Resistenzen erwerben. Entweder indem sie Resistenzgene von anderen Bakterien, die diese schon besitzen, „eingeschleust“ bekommen (Bakterien können sich zwar nicht geschlechtlich vermehren, aber in gewissen Grenzen untereinander Gene austauschen) oder durch kleinste Mutationen, die die Angriffspunkte der Antibiotika wenig aber entscheidend so verändern, dass sie unwirksam werden, z.B. indem die Bindungsstelle eines Antibiotikums in einem Protein so verändert wird, dass das Antibiotikum nicht mehr andocken kann. Dazu reicht oft schon der Austausch einer einzigen Aminosäure aus (Bild 8). Biologische Strukturen sind immer variabel (Bild 9) – Sie haben viel von der Biologie verstanden, sobald Sie begriffen haben, dass und warum in der Biologie nie eine Messgröße den Wert „20“ hat, sondern immer „20 +/- 0.5“. Menschen oder Tiere ähneln sich selbst dann nie vollständig, wenn sie zur selben Biospecies gehören, dieselben Eltern haben und gar eineiige Zwillinge sind.

Ursache dafür ist wesentlich das Genom: Kernhaltige Ein- und Vielzeller („Eukaryoten“, das sind alle Tiere und die meisten Pflanzen) haben üblicherweise jedes Gen doppelt. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung werden die Gene der Eltern jeweils neu kombiniert, so dass die Nachkommen immer etwas anders –aber eben beileibe nicht völlig !- aussehen. Auch Umweltfaktoren tragen zur Variabilität bei; so steigen Körpergröße und Überlebensdauer beim Menschen mit der besseren Ernährung in der Kindheit. Diese Variabilität ist eine gute Sache; die Umwelt von Lebewesen ändert sich und Lebewesen geraten in verschiedene Umwelten. Wir Menschen können froh sein, dass wir nicht alle gleich sind – weil es ganz verschiedene Aufgaben im Dienst Gottes zu tun gibt; Normalerweise ist Teil des Findens der eigenen Berufung herauszufinden, für welchen Dienst am Leib Christi man überhaupt begabt ist. Thomas von Aquin wäre wohl ein mittelmäßiger Krankenpfleger geworden, während eine Summa theologiae verfasst vom Hl. Camillus von Lelis sicherlich nicht bis heute studiert würde. Das fehlende Organisationstalent hätte Franziskus für immer daran gehindert, ein Ignatius zu werden – und so weiter. Und genauso wie Gott keinen geschlechtslosen, nivellierten „Einheitsmenschen“ will,  hat Er für Variabilität im Tier- und Pflanzenreich gesorgt. Der tiefere Grund ist, dass die ganze Schöpfung dazu bestimmt ist, ein Spiegel Gottes und Seiner Eigenschaften zu sein. Da Gott auch unendlich groß ist, muss es demzufolge in der Schöpfung eine (fast) unendliche Menge von Unterschieden geben.

Schon rein funktional hat dies Vorteile. Man stelle sich vor, Individuen der in Bild 9 gezeigten Schnirkelschnecke geraten in verschiedenfarbige „Hintergründe“, z.B.  helle Steine oder dunkle Waldböden. Wenigstens einigen von ihnen wird das Überleben erleichtert – den besser getarnten und damit besser „angepassten. So kann eine Art weniger schnell aussterben, wenn sich die Umgebung ändert – durch die Jahreszeiten, Klimawechsel oder weil einige Individuen z.B. auf eine Insel geraten. In jeder Umwelt werden die Individuen überleben, die an sie am besten angepasst sind. Genau das sagt die Evolutionstheorie, und das stimmt auch. Die Frage ist nur, wie weit kann das gehen. Das heißt, wie weit können sich Arten durch solche Variation, Mutation und Selektion verändern.

Hier führen wir nun die Begriffe „Mikroevolution“ und „Makroevolution“ ein (Bild 10). Mikroevolution ist die Veränderung bereits vorhandener Organe, Strukturen oder Baupläne basierend auf dem vorhandenen genetischen Material und wurde millionenfach beobachtet. Makroevolution dagegen ist die Entstehung neuer, bisher nicht vorhandener Organe, Strukturen und Bauplantypen basierend auf der Entstehung qualitativ neuen genetischen Materials. Sie wurde bisher nie beobachtet, nur behauptet. Mikroevolution verbleibt im Rahmen des vorhandenen genetischen Materials und damit im Rahmen der „geschaffenen Arten“, des Grundtypes. Alle mir bekannten Beispiele für Evolution in Lehrbüchern oder Fachbüchern lassen sich durch Mikroevolution erklären. Den vollständigen Beweis dieser Behauptung kann ich hier leider aus Platzgründen nicht führen, daher muss ich darum bitten, mir das entweder zu glauben oder, noch besser, entsprechende weiterführende evolutionskritische Publikationen zu studieren, auf die im Online- Support zu diesem Artikel hingewiesen wird.

Makroevolution dagegen ist die Entstehung neuer Struktur, neuer Gene, und soll über Grundtypgrenzen hinwegführen – vom Einzeller zum Vielzeller zum Fisch über Amphibien und Säugetiere bis zum Menschen. Sie ist bis heute nie beobachtet worden – zum Beleg dieser Behauptung siehe vorigen Satz. Aber doch einige Argumente: Es ist molekulargenetisch etwas völlig anderes, ob alle Finkenindividuen mit großen oder kleinen Schnäbeln ausgelesen werden,  bei in Höhlen geratenen Fischen solche Individuen mit „verlorengegangenen“ Augen besser überleben (sie haben in der Dunkelheit keinen Nachteil und eine Eintrittspforte für Infektionen weniger) oder Menschen mit stärkerer Hautpigmentierung im sonnendurchglühten Afrika besser überleben als wir „weiße Kaukasier“ – oder ob einem Fisch Beine und Lungen wachsen und einem Krokodil Federn, Flügel, Flugmuskulatur, Leichtbauknochen und ein Brustbeinkiel, und das alles gleichzeitig –da ein halbes Bein oder eine halbe Feder oder ein Flügel ohne Flugmuskulatur und Leichtbauweise Überlebensnachteil sind!

Aus der Tierzucht weiß man, wieweit man Lebewesen verändern kann; Kühe geben eine maximale tägliche Milchmenge –Hochleistungskühe über 100 l pro Tag – aber das wird dann mit gravierenden Einschränkungen in der Überlebensfähigkeit erkauft und irgendwann geht es nicht mehr zu steigern, aller Bemühungen der Agraringenieure zum Trotz. Hunderassen lassen sich durch Züchtung stark verändern – aber es ist doch bisher nie etwa ein katzenartiges Wesen mit „Samtgang“, Reißzähnen, Schnurren, Dämmerungssehfähigkeit und solitärem Sozialverhalten herausgekommen.

Im nächsten abschließenden Artikel werden wir das bisher über Ähnlichkeiten, Variabilität, Grundtypen und Mikroevolution gelernte auf die Königsfrage der Biologie anwenden: „Stammt der Mensch vom Affen ab?“ und werden sehen, dass viele weitere Fachgebiete wie die Linguistik oder die Bevölkerungsdynamik ganz anderes vermuten lassen. Und bei der Betrachtung der Ursachen der weiten Akzeptanz der Evolutionstheorie werden wir zugleich das ungeheure missionarisch-evangelistische Potential von Evolutionskritik erkennen !

Wir danken der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ für die Genehmigung zum Abdruck der Bilder 1 bis 10

Prof. Dr. Wolfgang Kuhn

Professor für Biologiedidaktik an der Universität Saarbrücken, verstorben. 2007
Er vertrat z.B. in dem unten gezeigten Buch eine eigentümliche, im Grunde in sich widersprüchliche Ansicht über Evolution die weder biblisch und katholisch noch Naturwissenschaft ist und zudem zentrale sichere Erkenntnisse der Evolutionskritik wie das Grundtypkonzept schlichtweg ignoriert (in der Arche Noah etwa musste nur pro Grundtyp ein Tierpaar mitreisen, was den Platzbedarf drastisch reduziert).