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Die ältesten Sprachen der Welt
Die wirklich allerersten Sprachen sind “vom Winde verweht” - Lautäußerungen halten sich nur dann über die Jahrtausende, wenn bereits eine Möglichkeit existiert, sie schriftlich zu fixieren.
Die ältesten erhaltenen und entzifferten schriftlichen Sprachzeugnisse sind auf Sumerisch abgefasst und nach allgemeiner Annahme um 3100 v.Chr. entstanden. Sumerisch wurde vom 4. bis etwa zur Mitte des 2. Jahrtausend vor Christus im südlichen Teil von Mesopotamien, im Süden des heutigen Irak, gesprochen. Es sind mehr sumerische Texte überliefert als althebräische und Sumerisch wurde noch lange nach seinem Verschwinden als gesprochene Sprache als Gelehrten- und Kultsprache verwendet, ähnlich wie später Latein in Westeuropa. Die letzten erhaltenen sumerischen Texte wurden zur Zeit der Geburt Cäsars um 100 v. Chr. abgefasst. Wenig später ging die Kenntnis des Sumerischen verloren und musste seit dem 19. Jahrhundert mühsam wiedergewonnen werden. Unter den erhaltenen Texten überwiegen bei weitem Wirtschafts- und Verwaltungstexte sowie Rechts- und Prozessurkunden, die leider nur einen begrenzten Einblick in die geistige Welt, die Kenntnisse und Gebräuche der Sumerer ermöglichen.
Sumerisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt, auch nicht mit dem Akkadischen, das in derselben Region gesprochen wurde –also ein eigener Sprachstamm– und alles andere als primitiv: Es besitzt wenigstens 11 Kasus –neben den 8 des Indogermanischen noch den Äquitiv (Vergleichsfall: „wie Wasser“), den Lokativ (Ortsfall „im Haus“) und den Komitativ (Gemeinschaftsfall „mit Peter“). Das Verbalsystem ist schwindelerregend komplex. Mittels einer Fülle von Präfixen, Infixen und Suffixen können Verbalinhalte äußerst präzise formuliert werden. Es gibt alleine 7 Modi: Indikativ, Optativ, Prohibitiv (Verbotsform), Prekativ (Wunschform), Kohortativ (Ermahnungsform), Prospektiv (mögliche Verwirklichung) und Imperativ. Zu Tempora wie dem Permansiv (Zustandsausdruck) oder Aspekten wie Punktual und Durativ und einer Fülle weiterer Möglichkeiten, Intensität, Richtung, Relation und Objektbeziehung der Handlung auszudrücken gibt es in heutigen Sprachen keine Entsprechung – gegenüber Sumerisch ist Deutsch grammatisch geradezu primitiv.
Näher betrachten wollen wir Akkadisch, das u.a. in Babylon und Ninive gesprochen wurde. Akkadisch ist ein Oberbegriff für seine beiden Hauptdialekte Babylonisch und Assyrisch sowie eine Reihe anderer zeitlicher und räumlicher Varianten. Der auf Akkadisch überlieferte Textkorpus ist etwa gleich groß wie der gesamte antike lateinische Textkorpus.
Die frühesten akkadischen Belege sind Personennamen und einzelne Wörter in sumerischen Texten des 27. Jahrhundertes vor Christus. Hervorzuheben ist die Bedeutung des Mittelbabylonischen, das 1500 bis 1000 vor Christus in ganz Vorderasien als Diplomatensprache diente wie bis heute Französisch und in neuester Zeit Englisch. Als Umgangssprache wurden akkadische Dialekte im 1. Jahrtausend vor Christus, besonders nach der Zerstörung Ninives 612 v. Chr. und dem Ende des babylonischen Reiches 539 v. Chr. durch Aramäisch verdrängt. Die letzten schriftlichen Dokumente stammen aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, danach erlischt die Kenntnis dieser Sprache, bis sie wie das Sumerische durch die Altphilologie ab Ende des 18. Jahrhunderts wiedergewonnen wurde.
Das Akkadische gehört zum Hamito-Semitischen und innerhalb dieses Stammes zu den semitischen Sprachen – Hebräisch, Aramäisch und Arabisch sind verwandte Sprachen. Es ist wie alle semitischen Sprachen eine flektierende Sprache, weist aber gegenüber den anderen semitischen Sprachen Eigenheiten auf: Es wurde stark durch das Sumerische beeinflusst, weil die Akkader kulturell ausnehmend von den Sumerern abhängig waren und sich zudem die beiden Völker eng vermischt hatten. Das akkadische Nominalsystem kennt 2 Geschlechter (Maskulinum und Femininum), 3 Numeri (Singular, Dual, Plural), einen Status rectus und einen Status constructus sowie 3 Kasus (Nominativ, Genitiv und Akkusativ). Hinzu kommen noch 2 weitere seltenere Fallformen: Der Lokativ- Adverbial und der Terminativ-Adverbial.
Eine Vorstellung der Deklination soll im folgenden das Wort kalbum (Hund) bzw. kalbatum (Hündin) durchexerziert werden:
Status rectus masc.

Beim Dual werden keine Geschlechter unterschieden und kein Status rectus bzw. constructus Als Beispiel das Wort sepan („beide Füße“): Nominativ sepan Genitiv sepin Akkusativ sepin.
Das Verbalsystem des Akkadischen ist sehr komplex. Wie bei allen semitischen Sprachen sind dessen Grundlage die meist aus drei Konsonanten gebildeten Wortwurzeln. Diese können durch Suffixe, Infixe und Affixe modifiziert werden. Dies ist übrigens eine gänzlich andere Art, Worte zu bilden und zu konjugieren, als in indogermanischen Sprachen und bei der nicht vorstellbar ist, wie sie mit diesen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sei. Man unterscheidet verschiedene Verbalstämme; eine bestimmte Wortwurzel erscheint üblicherweise nicht in allen durch das Sprachsystem vorgegebenen Verbalstämmen.
Nachfolgend soll vereinfacht das regelmäßige Verbum parasum „scheiden“ dargestellt werden. Im Akkadischen werden nach Konvention die Personen in anderer Reihenfolge aufgeführt als dies in indogermanischen Sprachen üblich ist: Die Reihenfolge ist 3., 2., 1. Person, die 3. und 2. Person wird zudem für maskulinum und femininum gesondert aufgeführt, da sie zum Teil unterschiedlich ist.
Die Formen des Grundstammes oder G- Stammes:
Präsens: Das akkadische Präsens kann Verschiedenes ausdrücken: Gegenwärtiges, Zukünftiges, Duratives (in Gegenwart und Vergangenheit), Modales. (Modal = können, wollen, dürfen, Durativ = eine andauernde Handlung vgl. im Englischen „I am singing“ oder „I was singing“).



Im Präteritum, Präsens, Perfekt und Permansiv können in allen Verbalstämmen Subjunktivformen gebildet werden. An die endungslosen Verbformen wird dabei das Suffix -u angehängt. Der Subjunktiv kennzeichnet das Verb in den dem Hauptsatz untergeordneten Nebensätzen. So lautet z.B. die Form iprus (er schied) im Subjunktiv iprusu.
Der Ventiv:
In allen vier Tempora bzw. Aspekten (Praeteritum, Präsens, Perfekt und Permansiv) und in allen Verbalstämmen können Ventivformen gebildet werden. Dabei werden an die Verba die Suffixe –am, -m bzw. –nim angehängt. Der Ventiv macht eine Aussage über die Bewegungsrichtung der durch das Verb ausgedrückten Handlung („zu mir“, „her“). Als repräsentatives Beispiel folgen die Formen des Praeteritums in G- Stamm; iprusam z.B. bedeutet „er schied her“ oder „er schied (und kam) zu mir“.

Selbstverständlich kann auch im Akkadischen ein Imperativ gebildet werden, und zwar in allen Verbalstämmen. (Es gibt also z.B. einen Imperativ Passiv), auch dazu gibt es in lebenden indogermanischen Sprachen keine Entsprechung.
Als Beispiel folgen nur die Formen des G- Stammes. Der Imperativ bildet nur die 2. Person.
G- Stamm, Imperativ: Singular Plural
2. Person mask. purus pursa
2. Person fem. pursi pursa
Beim Partizip werden 2 Geschlechter unterschieden, Singular und Plural, Status rectus und Status constructus und die Kasusformen Nominativ, Genitiv und Akkusativ. Das Partizip kann von allen Verbalstämmen gebildet werden. Als Beispiel die maskulinen Nominativformen im Singular der 4 Verbalstämme: G-Stamm parism N-Stamm mupparsum D-Stamm muparrisum Š-Stamm mušaprisum Der Infinitiv kann in allen allen 4 Verbalstämmen gebildet werden, es gibt also z.B. einen Infinitiv Passiv. Er wird oft auch im Genitiv verwendet.
Mit diesen Beispielen sind die grammatischen Möglichkeiten des akkadischen Verbums noch lange nicht erschöpfend beschrieben – durch Infixe können etwa 7 weitere Verbalstämme mit verschiedener Bedeutung gebildet werden. Nebst dem Imperativ kennt das Akkadische verschiedene Wunschformen wie den Prekativ „ich/du/er soll/sollst“ etwas tun oder den Voluntativ „ich/du/er will“ etwas tun Insgesamt kommt man problemlos auf 1000 und mehr verschiedene mögliche synthetische Verbalformen.
Die Übersetzung –oder auch nur das Erlangen einer Vorstellung- dieser ungeheuren Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten- ist in den heutigen romanischen oder germanischen Sprachen praktisch nicht möglich; man benötigt dazu sehr umständliche Konstruktionen mit Hilfsworten und -verben, die das Sprachverständnis mehr hemmen als fördern. Der sprachlich nicht vorgebildete Leser wird ohnehin Schwierigkeiten haben, sich unter den genannten Ausdrücken etwas vorstellen zu können. Am besten wird es noch demjenigen gelingen, der einmal Altgriechisch gelernt hat, das ebenfalls grammatische Möglichkeiten bietet, von denen wir in unseren modernen Sprachen nicht einmal träumen können – und das doch im Vergleich zum Akkadischen ziemlich simpel ist.
Ähnlich liegen die Verhältnisse in Altägyptisch (2600 – 2100 v. Chr.). Das Verbalsystem eignet sich Dank seiner Komplexität vorzüglich zum Ausdruck großer Präzision und feiner Nuancierungen. Es hat 6 Modi, Handlungen können mit Zeitbezug (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) oder ohne Zeitbezug beschrieben werden, die Aspekte Durativ, Punktual und Resultativ werden unterschieden und es gibt in der Konjugation 8 Personen, indem die 2. und 3. Person Singular in männlich und weiblich geschieden werden.
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